Wenn plötzlich alles dunkel ist

Seine Katzen kann Marco mittlerweile am Gang erkennen. Am liebsten hätte der 19-Jährige aber einen Blindenhund. (Foto: Bormeth)

Seit einem schweren Autounfall ist Marco (19) blind – Sein Wunsch: ein Blindenhund

Von Monika Bormeth

 

14. November 2015

 

Landau/Oberpöring. Bis vor einem Jahr war Marco Kaulbars ein unbekümmerter junger Bursche, der das Leben in vollen Zügen genossen hat. Viermal die Woche ist er ins Fußballtraining gegangen, hat eine Schreinerlehre absolviert, war in jeder freien Minute am liebsten mit Freunden und mit dem Auto unterwegs. Bis der 26. Februar kam. Auf der Autobahn prallte der heute 19-Jährige mit seinem Auto in einen Lastwagen. Seine Augen wurden dabei so schwer verletzt, dass er nichts mehr sehen kann. Knapp neun Monate nach dem Unfall hat er sein Lächeln wieder gefunden. Auch wenn das Leben dunkel geworden ist, gibt Marco nicht auf. Sein sehnlichster Wunsch: ein Blindenhund.


Das Haus, in dem Marco mit seiner Mutter Doris und dem Großvater lebt, liegt ein wenig außerhalb in Oberpöringermoos. Eine kleine Ortschaft, in der jeder den jungen Mann kennt. Vom Fußball, von Dorffesten, von Vereinsfeiern. An diesem Herbsttag sitzt Marco auf der Bank vor dem Haus. Seine Mutter steckt sich die zweite Zigarette an, während der Sohn von seinem Unfall erzählt. Seine Stimme wirkt ein wenig abgeklärt, so als würde er die Geschichte eines anderen erzählen. Aber seine Hände verknoten sich. „Ich hatte eine Lungenprellung, blaue Flecken, meine Nase war kaputt, der Unterkiefer zweimal und der Oberkiefer mehrfach gebrochen. Unterm linken Auge hat ein Knochensplitter auf den Sehnerv gedrückt, beim rechten Auge war der Glaskörper zerstört. Dazu war mein Jochbein gebrochen und ich hatte ein Schädelhirntrauma." Es klingt, als würde er auswendig den Inhalt seiner Krankenakte aufsagen. An seinem Hals ist die Narbe eines Luftröhrenschnitts sichtbar. Die hübschen braunen Augen wirken nicht leer, fokussieren aber auch nichts mehr. Marco ist blind. Was bedeutet das für ihn? „Dass es trotzdem weitergehen muss", sagt der 19-Jährige.


Dass ihm auf der Straße jemals etwas so Gravierendes zustoßen könnte, hätte er sich in den bittersten Träumen nicht ausgemalt. Er war seit jeher ein Fan von Autos und vom Fahren. Da kam ihm ein Nebenjob in einer Deggendorfer Autovermietung gerade recht. Dort durfte er nicht nur Autos waschen, sondern die Fahrzeuge auch zu anderen Filialen in Deutschland überführen. Es war der 26. Februar, als seine erste große Tour anstand. „Ich habe einen Skoda nach Braunschweig überführt. Über 600 Kilometer waren das. Mit einem VW Turan bin ich zurückgefahren." Kurz vor Hof legt er auf einer Raststätte eine Pause ein, schickt seinem Fußballtrainer noch eine SMS, dass er es wohl nicht rechtzeitig ins Training schaffen werde. Dann telefoniert er noch mit der älteren Schwester.


Zurück geht es auf die Autobahn. Das Letzte, an das sich Mario erinnert, ist der Lastwagen, den er kurz vor der Ausfahrt Hof auf der rechten Spur vor sich sieht. Der Lastwagen ist ihm aufgefallen. „Er hatte hinten eine Aufschrift. Marko mit K." Marco will überholen, zieht nach links. Dann kracht es – seitdem ist alles dunkel. Später wird man Marco sagen, dass der Lastwagen ihn rund 200 Meter mitgeschleift hat. Dass das Eck des Anhängers in der Mittelkonsole seines Autos steckte. Der genaue Unfallhergang konnte nie vollständig rekonstruiert werden. Ob der Lastwagenfahrer auch nach links fuhr? Er sagt Nein, Marco weiß es nicht mehr.


Nach drei Wochen im künstlichen Koma sagte ihm die Augenärztin im Beisein der Psychologin, dass die Dunkelheit vor seinen Augen bleiben wird. „Ich dachte, wir sind im falschen Film", schaltet sich seine Mutter Doris in die Erzählung ein. Die Alleinerziehende arbeitet in einer Firma für Lagerlogistik, hat von dem Unfall des Sohnes im Schichtdienst erfahren, als die Polizei kam und ihr die Nachricht überbrachte. Dass Marco als junger Fahrer für die Autovermietung so lange Strecken zurücklegte, wusste sie zu diesem Zeitpunkt nicht. „Er hat seine Entscheidungen immer sehr selbstständig getroffen", sagt sie rückblickend. „Und er hat das Autofahren geliebt wie jeder Junge in seinem Alter. Ist es da nicht normal, dass er das gemacht hat?" Im Nachhinein hilft ohnehin alles Hadern nichts.


Wenn Marco auch anfangs oft die Frage gestellt hat: „Warum muss es mir passieren?" Heute sagt er: „Weil ich so gute Freunde habe, bin ich noch in kein Loch gefallen." Nach sechs Wochen Klinikum folgten fünf Wochen Reha in Schaufling. Zuerst wurde Marco mit dem Rollstuhl gefahren, schließlich hat er sich seinen Weg zurück ins Leben erkämpft. Hat gelernt, wie der Umgang mit einem Blindenstock funktioniert und wie man sich im Dunkeln zurechtfindet. Bei einem vom Blindenbund angebotenen Mobilitätstraining übt er regelmäßig, sich im Alltag zurechtzufinden.


Seit dem Unfall ist sein Leben anders geworden. Seine Schreinerlehre kann Marco nicht weiterführen. Wenn er morgens aufsteht, schaltet er gerne den Fernseher ein, um die Stimmen zu hören. Oder er schreibt seinen Freunden übers Handy. „Ich hab es auf Sprachmodus eingestellt", erklärt er. Alles ist anders - und doch sind die gleichen Menschen und Dinge wichtig geblieben. Zum Beispiel der FC Oberpöring. Zwölf Jahre lang hat Marco Kaulbars Fußball gespielt, war viermal die Woche im Training. Als Zehner hinter den Sturmspitzen war er eingesetzt. Mit der Jugendfördergemeinschaft Isardreieck, ein Zusammenschluss aus FC Oberpöring, SV Wallerfing und TSV Aholming, hat er in der Kreisliga gespielt. Mittlerweile geht er mit seiner Mutter wieder zu jedem Heimspiel. „Ich muss einfach dabei sein", sagt er. Er will mitreden, wissen, was passiert. Seine Mutter fügt hinzu: „Wir haben ein Glück, dass wir auf dem Dorf wohnen. Hier kennt man sich. Alle unterstützen uns und wollen Marco helfen. Das ist eine große Stütze."


Dass Marco nicht sehen kann, tritt für ihn in den Hintergrund, wenn er zum Fußballplatz geht. Der Kontakt zu den Freunden wiegt mehr als das Gefühl der Beeinträchtigung. Beim örtlichen Weinfest hat Marco sogar schon wieder beim Ausschank geholfen: „Durch das Gewicht findet man schnell heraus, um welche Flasche es sich handelt", erklärt er schmunzelnd. Sein Tastsinn und auch sein Gehör haben sich entscheidend geschärft. Die vier Katzen beispielsweise kann er am Gang erkennen und am Geräusch, wenn die Tiere ihr Trockenfutter fressen.


Marco ist ein großer Tierfreund. Bei der Reha in Schaufling hat ihm besonders das therapeutische Reiten geholfen. Leider hat er heimatnah noch kein entsprechendes Angebot gefunden. Sein größter Wunsch wäre aber ein Blindenhund. Allerdings kostet dieser 25 000 bis 30 000 Euro. Möglicherweise hat Marco Glück und die Berufsgenossenschaft trägt die Kosten. Das ist aber noch nicht sicher. Generell hätte er viele Wünsche, die ihm seine alleinerziehende Mutter nur schwer ermöglichen kann. Beispielsweise ein Laufband, damit er wieder sportlich aktiv werden kann. Im nächsten Jahr will Marco außerdem eine Ausbildung beginnen. Am Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte in Veitshöchheim wird er eine weitere Grundreha absolvieren. „Und danach möchte ich Masseur werden", hat sich Marco vorgenommen. In Schaufling hat er bereits eine blinde Masseurin kennen gelernt, die ihm Mut gemacht hat. Sein Leben wird weiter gehen, nur eben anders.