Verantwortung für Frühchen und Schulkind

In der 25. Schwangerschaftswoche kam Marie auf die Welt. Weil sich die Mutter nicht um das Frühchen kümmerte, haben die Großeltern die Kleine in ihre Obhut genommen, wie auch schon Enkel Markus – trotz jeder Menge anderer Sorgen. (Foto: löw)

Großeltern übernehmen Generalvollmacht für Enkel – Seelische und finanzielle Belastung

Von Sandra Löw

 

28. November 2015

 

Am 14. Juli dieses Jahres ist in einem Leipziger Krankenhaus ein kleines Wunder geschehen: 15 Wochen zu früh kam Marie (Namen von der Redaktion geändert) zur Welt. An diesem Tag ahnten die Großeltern des kleinen Mädchens nicht, dass ihre Enkelin ihr Leben komplett verändern würde – wie schon ihr älterer Bruder Markus.


Seit April wohnen Tina und Bernd Ewald (Namen von der Redaktion geändert) in dem älteren, renovierungsbedürftigen Haus mit kleinem Garten in einem Dorf im südlichen Landkreis Landshut. Das Haus würde für die gebürtigen Berliner und die zwei Hunde ausreichend Platz bieten. „Die Miete ist sehr günstig, im Gegenzug haben wir uns verpflichtet, das Haus auf eigene Kosten zu sanieren", erklärt Bernd Ewald. Dass sie zwei ihrer Enkelkinder und möglicherweise auch die weiteren vier Geschwister aufnehmen würden, war nicht vorhersehbar.


Im Sommer überschlagen sich die Ereignisse. Am 14. Juli erhalten die Ewalds die Nachricht, dass sie zum sechsten Mal Großeltern geworden sind. In der 25. Woche holen die Ärzte per Kaiserschnitt in einem Leipziger Krankenhaus die kleine Marie. 677 Gramm leicht und 31 Zentimeter klein ist das Mädchen, das nur im Brutkasten eine Überlebenschance hat. Tochter Ulrike (Name von der Redaktion geändert) kümmert sich nach ihrer Entlassung kaum um ihr Baby. Das Jugendamt schaltet sich ein und kontaktiert die Großeltern.


Wo soll Marie in Zukunft aufwachsen – in einer Pflegefamilie oder bei den Großeltern ? Für Tina und Bernd Ewald ist die Antwort sofort klar. Das Jugendamt und die Tochter stimmen zu. Innerhalb weniger Tage müssen die Ewalds alles vorbereiten und bringen das Mädchen in seine neue Heimat nach Niederbayern.


Bei der Untersuchung im Kinderkrankenhaus St. Marien stellen die Ärzte einen Leistungsabfall fest. Zweimal am Tag muss Marie nun Koffein bekommen. Über Kabel ist das Mädchen mit einem tragbaren Monitor verbunden, der über ihre Atem- und Herzfrequenz wacht. Das Gerät piepst sofort, wenn es zu einem Leistungsabfall kommt. Mitte Dezember werden bei einer Kontrolluntersuchung die Daten im Kinderkrankenhaus ausgewertet und die Koffeindosis entsprechend angepasst.


„Vor allem das Kuscheln ist nach der langen Zeit ohne Zuwendung enorm wichtig und tut ihr sehr gut", stellt Tina Ewald fest. Auch jetzt, zu Hause, fühlt sich die Kleine auf dem Arm von Oma oder Opa am wohlsten. Was den Großeltern nicht klar war: Ihre Tochter hat nach der Geburt keine Geburtsurkunde beantragt, das heißt, Marie ist nicht krankenversichert – gerade bei einem Frühchen ein Fiasko. „Wenige Woche alt, hat die Kleine schon über 80 000 Euro Schulden wegen der umfassenden medizinischen Betreuung gehabt", berichtet Bernd Ewald. Nach zahlreichen Behördengängen, Telefonaten und Extra-Ausgaben ist auch dieses Problem gelöst. Die Geburtsurkunde konnte nachträglich ausgestellt werden und die Krankenversicherung trägt die Kosten.


In den Sommerferien besucht der älteste Enkel Markus seine Großeltern – und möchte danach nicht mehr zurück nach Leipzig zu seinen Eltern. Dort stehen seine Mutter, sein Stiefvater und seine Geschwister so gut wie auf der Straße: Wegen Mietschulden droht die fristlose Kündigung. Tina und Bernd Ewald bekommen die Generalvollmacht für den Siebenjährigen und Mitte September wird Markus in seiner neuen Heimat eingeschult.


Mit viel Liebe und Improvisationstalent haben seine Großeltern in kürzester Zeit das Kinderzimmer mit dem Nötigsten ausgestattet. Lindgrün sind die Wände gestrichen, ein bunter Spielteppich ist verlegt. „Eigentlich sollte Markus' Zimmer unser Schlafzimmer werden, aber nachdem feststand, dass wir langfristig auch noch ein Kinderzimmer für Marie brauchen, haben wir komplett umgeplant", erzählt Tina Ewald. Doch das Umplanen ist nicht zu vergleichen mit der Herausforderung, sich um ein Frühchen zu kümmern. Um im Ernstfall sofort reagieren zu können, haben die Ewalds einen Reanimationskurs absolviert.


Ein ruhiges Leben haben die beiden, die sich in West-Berlin kennengelernt und im Wendejahr 1989 geheiratet haben, auch vor der ungewöhnlichen Großeltern-Rolle nicht führen können. Abgesehen von den Sorgen um die Tochter, die ihr Leben offensichtlich nicht in den Griff bekommt und zu ihrem vorbestraften Partner steht, hat es das Schicksal auch mit dem Ehepaar Ewald nicht gut gemeint. Nach einem Bandscheibenvorfall 2006 und einer OP schien der heute 51-Jährige auf einem guten Weg. 2013 wurden die Schmerzen unerträglich, der gelernte Schlosser war ein Jahr lang krankgeschrieben und trennte sich mit einem Aufhebungsvertrag von seinem Arbeitgeber. Danach bekam er ein gutes Jahr Arbeitslosengeld, momentan hat er kein Einkommen. „Der Antrag auf Frühverrentung läuft, aber Hartz IV bekomme ich nicht; dafür verdient meine Frau zu viel", bemerkt er bitter. Tina Ewald arbeitet in Teilzeit als Verkäuferin in einem Supermarkt. Abgesehen vom Kindergeld erhalten sie keine weitere staatliche Unterstützung. „Weil wir nur die Großeltern sind", erklärt die 51-Jährige.


Dass der Einsatz der Ewalds nicht honoriert wird, sondern ihnen von bürokratischer Seite jede Menge Steine in den Weg gelegt werden, ärgert auch die zuständige Beraterin von der Caritas-Schwangerenberatungsstelle Landshut, Diana Triller. „Für Großeltern ist es sehr schwer, bei Behörden oder Stiftungen finanzielle Unterstützung für die Enkel zu beantragen, und gerade solchen engagierten Menschen würde ich gerne helfen", sagt sie. Wenigstens kann sie sich für die Beratung Zeit nehmen und auf weitere kostenlose Angebote der Caritas hinweisen, wie zum Beispiel den Babyladen.


Die Ausgaben für Maries Grundausstattung, Markus' Kinderzimmer, das neue, gebrauchte, größere Auto, diverse Unterlagen und Fahrtkosten haben die Ersparnisse der Ewalds aufgebraucht. Eine Frage der Zeit ist es, bis die alte Ölheizung ihren Geist aufgibt. So lange es draußen noch nicht zu kalt ist, heizen die beiden mit einem alten Holzofen, der im Flur steht – um Öl zu sparen und die Heizung zu schonen. „Wenn wir Geld übrig hätten, würden wir in eine neue Heizung investieren", sagt Tina Ewald. Dann wäre auch im Badezimmer mehr Platz, in dem momentan ein großer Brenner zwischen Toilette und Badewanne steht.


Über die Ausgaben, die auf sie zukommen, wenn das Jugendamt und die Tochter ihnen auch noch die Generalvollmacht für die anderen vier Enkelkinder übertragen, möchten die beiden nicht nachdenken. Aber: „Die Kinder kommen auf keinen Fall in eine Pflegefamilie; wir sind für sie da, egal, was passiert", sind sich die Großeltern einig. „Ich bin im Heim und in Pflegefamilien aufgewachsen und weiß, was das bedeutet", fügt Bernd Ewald hinzu.