Nur ein kleines Stück vom Glück

Mit diesem Kamin heizen die Ls. im Winter. Viel Geld für Holz haben sie aber nicht. Das Bad und das Schlafzimmer bleiben kalt. (Foto: is)

Ein von Krankheit, Pech und Armut gebeuteltes Ehepaar braucht Unterstützung

Von Ingmar Schweder

 

10. Dezember 2015

 

Landshut - Rosenkranzgebet und Ave Maria, Wäschewaschen und Bügeln: Seine Oma hat ihm früher alles beigebracht, was er wissen musste. Auch am Herd hatte sie Wolfgang L. (Name von der Redaktion geändert) zum Könner ausgebildet. Fragt man den heute 56-Jährigen nach einer Kochanleitung, rezitiert er aus dem Stegreif ihre Bratenrezepte: Burgunder-, Sauer-, Hirsch- oder Rehbraten, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Leisten kann er sich solch ein Festessen heute nicht mehr. An die glücklicheren Zeiten erinnert in Ls. abbruchreifer Wohnung nur noch ein kleiner Altar, den er aus Streichhölzern gebastelt hat. Dort bewahrt er ihr Foto auf.


Früher hat L. begeistert Sport getrieben. Heute liest sich seine Krankenakte wie das Inhaltsverzeichnis eines Horrorromans: 2000 offenbarte ihm ein Arzt die Diagnose Lymphdrüsenkrebs – es folgte eine Chemotherapie. Zwischen 2001 und 2003 musste er wegen drei Bandscheibenvorfällen auf den OP-Tisch. Etwas später erlitt L. einen Schlaganfall. Seitdem hat er mehrere Stents an Kopf und Füßen gelegt bekommen. Arbeiten kann der Mauerer schon lange nicht mehr – er gilt als schwerbehindert. Auch seine Frau ist nach mehreren Erkrankungen arbeitsunfähig. Ihr rechter Arm hat sich versteift. Das Arbeitsamt hat die 59-Jährige als unvermittelbar eingestuft. Das Leben hat das Paar in eine Sackgasse geführt, aus der es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt. Außer einem Bruder, der L. unterstützt, wo er kann, ist ihm aus seinem früheren Leben so gut wie geblieben, denn mit der Krankheit kam die Armut – und die hat das Paar fest im Griff.


Dennoch halten beide fest zusammen. Ihre Wohnung ist sauber, ihre wenigen Habseligkeiten halten sie in Schuss – auch wenn sie mittlerweile das meiste verkauft haben, was sie einst besaßen. „Hätte mir mein Bruder nicht einen Fernseher geschenkt, hätte ich nicht mal den", sagt L. Hohe Heizkosten können sie sich nicht leisten, auch Strom wird gespart. Geheizt wird deshalb nur im Wohnzimmer mit Holz. „Wenn das alle ist, ziehen wir uns wärmer an." Die Wände in dem Mietshaus sind feucht und mit Schimmel durchdrungen. Das alte Haus weist einem Gutachten zufolge erhebliche Baumängel auf und müsste abgerissen werden, doch der Vermieter will kein Geld mehr investieren. Eine neue Wohnung finden die Ls. wegen ihrer Geldknappheit nicht.


Das alles wäre für die Ls. vielleicht bisher zu ertragen gewesen: Käme da nicht dieser verflixte Unfall hinzu, der sich vor etwa zwei Jahren ereignet hatte und L. zu einem Pflegefall machte. Seitdem kann er nicht mehr das Haus verlassen. L. bleibt nichts anderes mehr übrig als zu rumzusitzen und zu warten. „Ich werde langsam verrückt in der Wohnung", erzählt er. Wenn er nicht in der Küche oder auf der Couch sitzt – die sie vom Gebrauchtwarenhaus „Hab und Gut" bekommen haben – dann sitzt er im Krankenhaus und wartet dort auf seine Behandlung. Überhaupt sind seine Mietwohnung und das Krankenhaus die einzigen beiden Orte, an denen sich L. noch aufhält. Worauf er wartet, weiß der 56-Jährige selbst nicht mehr so genau. Auf Glück ? Bisher hatte L. viel Pech im Leben. Die Hoffnung, dass er noch einmal richtig gesund werden könnte, ist es jedenfalls nicht – diese Chance existiert nicht mehr.


Dreimal in der Woche muss sich L. im Klinikum Achdorf die Lunge absaugen lassen. Diese Termine sind für ihn lebensnotwenig geworden. Bei dem Rollerunfall wurde das Organ schwer beschädigt. Der 56-Jährige kann sich nicht mehr lange auf den Beinen halten. Nach 50 Metern Fußweg ist Schluss – er bekommt einfach zu schlecht Luft. Seine Lunge hat nur noch ein Volumen von 30 Prozent. Den Weg von Neufahrn zum Klinikum Achdorf muss er dennoch schaffen. In Landshut kann er sich keine Wohnung leisten. Der gelernte Maurer lebt seit über zehn Jahren von einer winzigen Erwerbsunfähigkeitsrente und der Grundsicherung. Manchmal bleiben dem Ehepaar nur 150 Euro im Monat, mit denen sie auskommen müssen.


Und genau hier werden die Schwierigkeiten für L. noch größer: Die Narkose und das Freisaugen seiner Lungenflügel dauern nur etwa eine Stunde. „Das funktioniert immer reibungslos", sagt L, auch wenn die regelmäßigen Betäubungen anstrengend für ihn sind. Danach muss er aber den Rest des Tages im Klinikum verbringen und warten, bis er abgeholt wird. Das dauert den ganzen Tag. L. hat kein Auto, und ohne die Hilfe seiner Frau kann er nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. 27 Tabletten nimmt L. am Tag. Seine Frau weiß in Notfällen, was zu tun ist. Doch die monatlichen Reisekosten mit der Bahn nach Landshut sind für das Paar zu teuer. Einen Fahrtkostenzuschuss übernimmt weder das Amt noch die Krankenkasse des 56-Jährigen. „Ich habe Gutachten um Gutachten beim Versorgungsamt eingereicht, aber das Amt will mir keine Unterstützung gewähren", sagt L, der 60 Prozent schwerbehindert ist. Da er es nicht einmal zu Fuß zum Bahnhof schafft, fährt ihn eine Nachbarin zweimal in der Woche mit dem Auto nach Landshut. Da die Frau selbst berufstätig ist, kann sie ihn erst wieder nach der Arbeit abholen. Doch für L., der dadurch nur die Spritkosten zahlen muss, ist dieser Weg im Moment die einzige Möglichkeit, in der Woche alle Termine wahrnehmen zu können. Die Nachbarschaftshilfe am Wohnort bietet nach Angaben seiner Sozialarbeiterin keine Fahrten nach Landshut an.


Sich ins Krankenhaus einweisen lassen, will L. nicht. Seine Frau will er nicht allein lassen. Weil das Paar nicht mobil ist, verpassen sie nicht nur viele Termine, sondern auch das gesellschaftliche Leben. Ein Rollstuhl, um gemeinsam an die frische Luft gehen zu können, würde ihnen nicht helfen. Ls. Frau ist körperlich nicht in der Lage, ihren Ehemann, der früher sehr sportlich war, zu schieben.


Die Aussichtslosigkeit raubt L. jeglichen Mut. Mit Hilfe seiner Sozialarbeiterin hat er sich bereits erfolgreich an andere Spendenaktionen gewandt und Zusagen für Unterstützung erhalten. Die Spenden für L. sind zweckgebunden und sollen ihm zu einem kleinen Auto verhelfen. Das soll nach einer Bedingung der Spender nicht älter als fünf Jahre sein und nicht mehr als 70 000 Kilometer auf dem Tacho haben – damit das Auto über einen längeren Zeitraum tauglich ist.


Die Mediengruppe Landshuter Zeitung/Straubinger Tagblatt möchte mit ihrer Spendenaktion „Freude durch Helfen" mithelfen, das Leben von L. wieder lebenswerter zu machen. Hätte das Paar ein Auto, könnte Frau L. ihren Mann nicht nur zu jedem Arzttermin fahren, sie könnten auch wieder kleine Ausflüge unternehmen. Daher bitten wir recht herzlich um eine Spende, um den Kauf eines kleinen Autos mitfinanzieren zu können.