Sozialpädagogin Christine Frank berichtet über Schicksale, die sie in der Offenen Behindertenarbeit (OBA) betreut.

Offene Behindertenarbeit berichtet über Schicksale aus ihrer täglichen Arbeit

Von Ellen Kellerer

 

19. Dezember 2015

 

Mainburg/Kelheim. Da ist die sechsköpfige Familie mit den zwei Kindern mit Behinderung, der das Geld für ein passendes Auto fehlt; da ist das über 80 Jahre alte Elternpaar, das den Sohn mit schwerer Behinderung noch selbst betreut; und da ist die Alleinerziehende mit dem Kind mit Behinderung, das nicht durchschläft, seine Grenzen nicht kennt und auch nie kennenlernen wird - wie schwierig es sein kann, mit Menschen, die ein Handicap haben, zusammenzuleben und sie ein Leben lang betreuen zu müssen, können sich Menschen, bei denen alles „normal" läuft, oft gar nicht vorstellen.


Die Offene Behindertenarbeit (OBA) Magdalena im Landkreis weiß allerdings sehr genau, wie es solchen Familien ergeht. An sie soll heuer die Spende im Rahmen der Aktion „Freude durch Helfen" gehen. Die OBA Magdalena wird das Geld dann denjenigen zukommen lassen, die durch das „Raster" fallen: Wenn notwendige Anschaffungen oder Entlastungen auch für die Angehörigen beispielsweise nicht durch übliche Pflegeleistungen abgedeckt werden.


Die OBA ist ein niedrigschwelliger Beratungs- und Betreuungsdienst für Menschen mit Behinderung im Landkreis Kelheim, der durch den Bezirk Niederbayern und den Freistaat Bayern gefördert wird. Neben der Beratung für Menschen mit Behinderung oder deren Angehörige kümmert man sich dort auch um die Betreuung von Menschen mit Behinderung zu Hause oder in der Freizeit. Beschäftigt in der OBA sind Sozialpädagoginnen, Heilerziehungspflegerinnen, Kinderkrankenschwestern, Kinderpflegerinnen, Betreuungskräfte und Hilfskräfte.


Häufig ist es für Eltern von Kindern mit Behinderung ersteinmal ein Schock und eine große Belastung, wenn sie von der Behinderung erfahren. Eltern müssen sich damit auseinandersetzen, dass ihr Kind „anders" ist als andere Kinder, und die Entwicklung in vielen Bereichen zögerlich voranschreitet. Diese Erfahrung musste auch eine Familie aus dem Landkreis machen. Nachdem die Ehe der Eltern des Mädchens mit einer Behinderung, das noch einen kleinen Bruder hat, zerbrach, war es für die zunächst Alleinerziehende schwer, mit dem beiden Kindern - ein Mädchen davon mit Down-Syndrom - den Alltag zu meistern.


Die Mutter lernt einen neuen Lebensgefährten kennen - der bringt selbst zwei Buben mit in die Beziehung, die beide Entwicklungsverzögerungen haben. Konkret bedeutet das für die „Patchworkfamilie": Wenn man am Wochenende zusammen wohin fahren möchte, müssen immer alle mit - kein einfaches Unterfangen bei mittlerweile vier halbwüchsigen Kindern, zwei Eltern und nur einem Familienauto, das für zwei Mitfahrer, die zudem immer größer werden, nur über Notsitze verfügt. Ein größeres Auto wäre also dringend nötig - doch das notwendige Geld, auch für einen „Gebrauchten" fehlt, zumindest käme ein Zuschuss zur Finanzierung gelegen. Die OBA unterstützt die Familie nach Kräften, hilft, Anträge an Stiftungen zu stellen und formuliert Sozialberichte.


Von einem weiteren Fall aus der täglichen Betreuungsarbeit der OBA in Abensberg berichtet Sozialpädagogin Christine Frank: Ein 80-jähriges Ehepaar hat einen mittlerweile bereits Mitte 50 Jahre alten Sohn mit Mehrfachbehinderung. Der Sohn arbeitet in einer Behinderteneinrichtung in Kelheim und wird täglich von zu Hause mit demBus abgeholt. Er hat eine geistige Behinderung und Einschränkungen in der Mobilität, kann aber mit einem Rollator laufen.


Die Familie lebt im 1. Stock, jeden morgen und jeden Abend stützt der 80-jährige Vater seinen Sohn unter viel Anstrengung und Mühe beim Treppensteigen, wenn der Sohn vom Bus morgens abgeholt und am Abend wieder gebracht wird. Die Eltern beklagen sich nicht, werden sie auf die tägliche Tortur angesprochen. Sie meinen nur, dass eine Wohnung im Erdgeschoß schon besser wäre, „wir werden ja auch nicht jünger".


Die Eltern beschreibt Christine Frank als „nettes, ruhiges Ehepaar, auch der Sohn mit Behinderung ist ein zurückgezogener, netter Mann". Die Eltern seien noch relativ mobil, allerdings sei der Vater der Familie mittlerweile fast erblindet. Es sei der Familie kaum möglich, die wöchentlichen Wohnungsanzeigen in der Zeitung zu lesen - denn der Familie wurde gekündigt. Die Gründe für die Kündigung seien nicht nachvollziehbar, sagt die Sozialpädagogin, deshalb konnte die Kündigung der 41-Quadratmeter-Wohnung bisher abgewendet werden.


Jetzt geht es also ganz praktisch um eine Wohnungssuche für diese Familie, 50 Quadratmeter, so die Betroffenen selbst, würden reichen - zwei Zimmer, ein Bad und eine Küche, idealerweise im Erdgeschoß. Auch hier ist die OBA engagiert, versucht zu vermitteln und zu helfen, wo es nur geht.


In der Vergangenheit beispielsweise wurde auch schon einmal eine Winterausstattung Klamotten oder ein Zuschuss für die Ausstattung eines Kinderzimmers - ein größeres Bett, ein größerer Schrank - über Spenden für Familien der OBA finanziert. „Gerade Alleinerziehende von Kindern mit Behinderung sind oft in größerer finanzieller Not als ,normale' Alleinerziehende", weiß Sozialpädagogin Christine Frank. Denn oftmals könnten solche Mütter gerade in den ersten Lebensjahren des Kindes nicht arbeiten, weil es keine geeigneten Betreuungsmöglichkeiten oder Betreuungspersonen gibt bzw. fast täglich am Vormittag für solche Kinder Therapien stattfinden.


Auch hier ist die OBA Ansprechpartner. „Magdalena" hat sich die Organisation übrigens als Schutzpatronin gewählt, weil sie nicht wegsieht und auch in schwierigen Situationen zur Seite steht. Diese Werte sucht man nicht nur in der Offenen Behindertenbetreuung zu verwirklichen. Zur Organisation gehören auch eine interdisziplinäre Frühförderstelle und ein Kinderhaus mit integrativem Kindergarten.

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Offene Behindertenarbeit Magdalena

Christine Frank, Münstererstr. 9a, 93326 Abensberg

Telefon 0 94 43 / 59 36

E-Mail:

Web: www.magdalena-kjf.de