Isolation – weil der Körper nicht entgiften kann

Autoimmunerkrankung führte zu Arbeitsunfähigkeit und Armut – Reiner Kampf ums Überleben

 

Ergoldsbach. (bm) Sie kämpft nur ums Überleben, lebt in völliger Isolation. Die Frührentnerin Linda Moschna (45) leidet seit 15 Jahren an einer seltenen Autoimmunerkrankung. Das Krankheitsbild MCS (Multiple Chemical Sensitivity) ist vererbt und nicht therapierbar. Jede Berührung mit kleinsten Chemikalien führt zu Muskelkrämpfen bis hin zu Ohnmacht und anaphylaktischen Schock. Deshalb bleibt der 45-jährigen Frau nur eines: Alles, auf was ihr Körper reagiert, einfach vermeiden. Doch das wird zum reinen Kampf ums Überleben.


„Wenn ich mit Stoffen in Berührung komme, auf die mein Körper reagiert, dann brennt mein Kopf wie Feuer", erzählt Linda Moschna am Telefon. Ein Besuch bei ihr ist nicht möglich, denn die junge Frau reagiert quasi auf fast alles: Deo, Duftstoffe, Waschmittel und landwirtschaftliche Gerüche. Im Telefon hallt es, so als wäre das Zimmer unbewohnt. „Ich habe nur einen Glastisch und vier Alustühle und schlafe auf dem Boden", erzählt die krankheitsbedingte Frührentnerin traurig. Eine Matratze, auf deren Inhaltsstoffe sie nicht reagiert, hat sie bisher nicht gefunden. Doch auch die landwirtschaftlichen Gerüche in der Luft, oder der Geruch von verbranntem Holz machen ihren Atemwegen zu schaffen.
Deshalb muss sie umziehen, will wieder in die Stadt. „Erfahrungsgemäß bereitet mir die Stadtluft mit ihren Abgasen weniger Probleme", sagt sie. Ihr größtes Problem ist nun, dass sie aus gesundheitlichen Gründen dringend in eine kleinere Wohnung in der Stadt ziehen müsste, aber keine passende finden kann. Denn weil ihr Vater, von dem sie monatlich eine finanzielle Unterstützung erhielt, kürzlich verstorben ist, reicht ihre monatliche Erwerbsunfähigkeitsrente nun nicht mehr zum Leben aus.


„Ich suche auf Mietbasis eine Zwei-Zimmer-Erdgeschoss- oder Einlieger-Wohnung mit Terrasse, aber es müssten alle Böden gefliest sein", erzählt Linda Moschna. Auf Holz beziehungsweise die Stoffe, die aus dem Holz ausdünsten, reagiert ihr Körper allergisch. „Am besten wäre ein Erstbezug bei der Wohnung, wegen der absoluten Duftfreiheit."
Ihre Suche nach einer Wohnung war bisher leider erfolglos, wohl auch, weil es für die Frau schwierig ist, Kontakt mit der Außenwelt zu halten. Allein das Telefon ist ihre einzige Verbindung. Doch an manchen Tagen geht es ihr so schlecht, dass sie sich gar nicht mehr bewegen kann. „Ich habe bereits sämtliche Ämter und Ministerien um Hilfe gebeten, auch alle möglichen Immobilienmakler eingeschaltet, jedoch ohne Erfolg."


Nahrungsmittel erhält sie von einem Freund, der sie versorgt. Per Telefon hält sie Kontakt mit einem befreundeten Senior, der für sie Dinge im Internet recherchiert, denn auch die Berührung mit einem Tablet oder PC ist für sie eine Qual und führt zu gesundheitlichen Problemen. Linda Moschna kann ihre Wohnung in Ergoldsbach (Landkreis Landshut) kaum verlassen. Zwar trägt sie einen Ausweis bei sich, auf dem auch steht, welche chronische Erkrankung sie hat. Doch wenn sie draußen zusammenbricht, wird sie immer sofort ins Krankenhaus eingeliefert, und dort reagiert sie aufgrund der Desinfektionsmittel noch heftiger mit Atemnot.


Linda Moschna hat Friseurin gelernt. Schon während ihrer Ausbildung zeigten sich allergische Reaktionen, sie sattelte um in den Einzelhandel. Dann war sie jahrelang im Büro. Mit Mitte 20 kam die Krankheit richtig zum Ausbruch, giftiges Palladium in den Zähnen wurde als Auslöser gesehen und entfernt. Doch daraufhin wurde es nur noch schlimmer. Erst ein TV-Bericht brachte sie auf den richtigen Arzt, der die seltene Krankheit MCS (Multiple Chemical Sensitivity) diagnostizierte. Wegen ihrer Autoimmunerkrankung lebt sie seit 15 Jahren in völliger Isolation. Schmerzfrei sei sie nie, doch das karge Leben, das sie führt, sei die einzige Möglichkeit zu Überleben. „Mein Körper kann nicht entgiften, ich kämpfe täglich ums Überleben!" Weil sie nur noch Gurken, Erbsen, Bohnen und Roggenbrot verträgt, wiegt dir früher vollschlanke Frau nun mittlerweile auf 166 Zentimeter nur 63 Kilogramm.


Einziger Lichtblick in ihrem Leben sind die Kontakte mit anderen Betroffenen über die Selbsthilfegruppe. Doch aufgeben will die völlig isolierte Frau nicht: „Ich will mein Leben zurück", sagt sie kämpferisch und hofft auf finanzielle Unterstützung, eine baldige Besserung durch neue Medikamente, und darauf, dass sie endlich in der Stadt eine passende Bleibe findet.


Denn dort, so hofft Linda Moschna, könnte sie wieder draußen spazieren gehen.