Ihr Tor zur Welt

Der Fernseher ist für die bettlägerige Margarete A. die einzige Möglichkeit, zu erfahren was in der Welt passiert. Seit fünf Jahren kann sie ihr Bett nicht mehr verlassen. (Symbolfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Margarete A. ist seit fünf Jahren bettlägerig: Der Fernseher ist ihre einzige Ablenkung

Von Sophie Schattenkirchner

 

23. Dezember 2015

 

Straubing. Die Umstellung muss für Margarete A. enorm gewesen sein: Sie stammt aus einer Großfamilie, arbeitete in Hotels am Arbersee und in München, verkaufte Brezen und süßes Gebäck in einer Münchner Bäckerei und bediente acht Jahre lang in einem Straubinger Café. Ihr ganzes Leben lang war sie von Menschen umgeben, opferte sich für andere auf, umsorgte ihre jeweiligen Lebenspartner. Seit fünf Jahren kann die heute 63-Jährige ihre kleine Wohnung nicht mehr verlassen. Sie ist bettlägerig. Der Grund: Eines Tages brach sie in ihrer Wohnung zusammen, der von Rheuma und Diabetes geplagten Frau musste nach einem Gefäßverschluss das linke Bein in einer Notoperation amputiert werden. Während des Krankenhausaufenthalts infizierte sie sich mit dem Keim MRSA, der es ihr unmöglich macht, andere Menschen zu treffen und sogar ihre Pflege erschwert.

 

„Ihr Leben erinnert mich ein bisschen an ‚Hans im Glück'", sagt Lydia Plachi. Die Diplom-Psychologin kümmert sich seit einem Jahr im Rahmen der mobilen Heilerziehungspflege stundenweise um Margarete A. Im Märchen der Gebrüder Grimm tauscht der Protagonist Hans einen kopfgroßen Goldklumpen, den er sich durch harte Arbeit verdient hat, gegen immer schlechtere Dinge und besitzt am Schluss nur noch einen wertlosen Schleifstein. Dabei reden ihm die Händler stets ein, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Trotz allem sei Margarete A. eine lebenslustige, fröhliche Frau. „Wir lachen sehr viel", sagt Lydia Plachi und ihre Augen glänzen, wenn sie von Margarete A. erzählt. „Sie lässt sich einfach nicht hängen." Obwohl Margarete A. nicht selbst aus ihrem Bett aufstehen kann, achtet sie darauf, immer frische Kleidung zu tragen, die kleine Wohnung ist liebevoll eingerichtet mit Erinnerungsstücken aus vergangenen Zeiten. Früher saß Margarete A. nach der Arbeit gerne mal auf ihrem kleinen, sonnigen Balkon und entspannte – etwas, das heute undenkbar ist. „An ihrer Wohnungstür hängt sogar ein kleiner Kranz mit Tannenzweigen", erzählt Lydia Plachi, „und das, obwohl sie ihn nie sieht." Alle Gegenstände in ihrer Wohnung hat sich Margarete A. hart erarbeitet.

Aufgewachsen ist sie mit sechs Geschwistern auf einem kleinen Bauernhof im Bayerischen Wald. Sie machte eine Ausbildung zur Hotelkauffrau, arbeitete im Hotel einer Tante am Arbersee. Nach nur zwei Jahren ließ sie sich von ihrem ersten Ehemann scheiden. „Sie ist so gutmütig, und hat sich oft ausnutzen lassen." Beruflich ging es für Margarete A. bergauf, sie bildete Lehrlinge aus und zog in München mit ihrem zweiten Ehemann zusammen. Dort bediente sie, beteiligte sich an einer Filiale einer Bäckereikette.

 

Nach ein paar Jahren entschied sich das Ehepaar wieder in den Landkreis Straubing-Bogen zu ziehen und bewirtschaftete dort ein Gasthaus. Als dieses geschlossen wurde, nahm Margarete A. sofort eine Arbeit in einer Metzgerei an. Vor 13 Jahren zog sie nach Straubing, acht Jahre lang bediente sie in einem Café.

Vor ein paar Jahren wurde sie zum ersten Mal von Rückenschmerzen geplagt. Mit starken Schmerzmitteln und der Diagnose Rheuma kämpfte sie sich weiter durch, sogar, als sie offene Beine bekam. „Margarete hat immer auf alle anderen Leute geschaut, nie auf sich", findet Lydia Plachi. Hinzu kommt, dass Margarete als junge Frau an Tuberkulose litt, jedoch nie zum Arzt ging, sondern immer weiterarbeitete. Auch als die Rückenbeschwerden schlimmer wurden, ignorierte sie den Schmerz. „Denn für die Rente fühlte sie sich noch viel zu jung, sie schätzte ihre Arbeit, ihre Kollegen." Bis zum großen Zusammenbruch.

 

Nur durch großes Glück wurde sie an einem Samstagmorgen von einem Bekannten in ihrer Wohnung auf dem Boden liegend gefunden. Ihr Leben konnte damals nur durch eine Notamputation ihres Beins gerettet werden. Zu allem Übel kam noch hinzu, dass sie sich mit dem Krankenhauskeim MRSA infizierte. Dieser ist der Grund, weshalb Pflegedienste bei ihr häufig wechseln. Zu umständlich ist der Umgang in Hinblick auf Hygiene. Nachts kann sie nur noch mit einer Sauerstoffmaske schlafen.

 

Seit diesem Zusammenbruch liegt Margarete A. im Bett, ihre einzigen Möglichkeiten, Kontakt mit anderen Menschen zu haben, sind Telefon und Fernseher. Erst neulich berichtete Margarete A. der Psychologin, wie sie abends vor dem Fernseher mit James Bond mitfieberte, wie gern sie nachmittags die Fälle von Richter Alexander Hold verfolgt. „Der Fernseher ist ihr Tor zur Welt", findet auch die Psychologin. Daher wandte sie sich an die Benefizaktion „Freude durch Helfen" mit der Bitte um eine Spende an Margarete A, denn inzwischen ist auch das hart erarbeitete Geld knapp. Durch Ihre großzügigen Spenden bekommt die Frau nun einen neuen Fernseher: „Sie hat sich wahnsinnig gefreut, sie ist so dankbar."