„Ich kann alles machen, nur anders“

Angela Maier hatte in ihrem Leben zwei schwere Unfälle. Jetzt sitzt sie im Rollstuhl und hat nur einen Wunsch: sie möchte gerne einmal ans Meer, an die Nordsee fahren. (Symbolfoto: Arno Burgi/dpa)

Angela Maier sitzt nach Unfall im Rollstuhl – Kasse zahlt Akkus für Elektroantrieb nicht

Von Kathrin Madl

 

2. Dezember 2015

 

Landkreis Straubing-Bogen. Sie war auf dem Weg nach Hause von der Arbeit, als es passierte: Ein Auto hatte Angela Maier angefahren. Ihr Schienbein war 72 mal gebrochen. Erst vier Stunden später ist sie in eine Spezialklinik geflogen worden. Zu spät – der Wundbrand hatte bereits eingesetzt. Das Bein war nicht mehr zu retten, entschieden die Ärzte. Mit nur 16 Jahren wurde Angela Maier das rechte Bein nahezu bis zur Leiste amputiert. Rund 40 Jahre liegt dieser Unfall nun zurück. Seither ist Angela Maier auf Krücken und, nach einem weiteren schweren Unfall, seit etwa sieben Jahren auf den Rollstuhl angewiesen.

 

Ein Jahr ist das damals 16 Jahre alte Mädchen im Koma gelegen. „Ich musste alles wieder lernen, ansonsten hätten mich die Ärzte nicht nach Hause gelassen", erinnert sie sich. Das junge Mädchen hat sich erstaunlich schnell zurück ins Leben gekämpft: Innerhalb eines halben Jahres lernt sie alles neu – Motorik, Sensorik, Sprache. „Ich war dann zwei Wochen daheim in Schliersee, bevor ich anschließend auf Reha nach Tölz kam."

 

Eine Beinprothese war nicht möglich. Durch den Wundbrand ging die Heilung nur schleppend voran. „Ganz geschlossen ist der Stumpf erst seit vier Jahren", sagt Maier. Auch die extreme Kürze des Stumpfes von nur elf Zentimetern hinderte die Ärzte an der Anpassung einer Prothese. „Würde mir der Unfall heute passieren, hätte ich wahrscheinlich eine Prothese. Die Medizin ist heute auf einem ganz anderen Stand als noch vor 40 Jahren."

 

Ihre Ausbildung hat sie damals nicht abgeschlossen. „Ich wollte Frisörin lernen, das wäre mit meiner Behinderung nicht möglich gewesen." Sie hatte eine Umschulung zur Bürokauffrau angefangen. „Das war nicht, was ich wollte. Der Beruf hat mir keinen Spaß gemacht", sagt Maier. Kurzerhand hat sie die Umschulung abgebrochen und sich einen Job als Kassiererin gesucht und sich somit Geld für eine Umschulung zur Speditionskauffrau zusammengespart.

 

Bis vor sieben Jahren hat Angela Maier ihr Leben auf Krücken gemeistert. Aufgrund der ständigen Überbelastung ihrer Arme und Hände bilden sich aber immer wieder gutartige Tumore an der Innenseite der Hände und an den Handgelenken. Alle zwei bis drei Jahre wird sie deswegen operiert.

 

So auch Anfang Juni 2007: Damals lebt sie mit ihrem Mann noch in Oberbayern und wurde in einer Münchner Klinik ambulant operiert. Ein Taxi sollte sie nach Hause fahren. Die Ampel ist rot, das Taxi hält hinter einem Lastwagen. Von hinten rast ein Auto mit Tempo 120 immer näher heran. Die Fahrerin scheint in Gedanken und übersieht die rote Ampel und die wartenden Autos. Ungebremst fährt sie in das Taxi und schiebt es durch die Wucht des Aufpralls unter den Lastwagen. Neben zahlreichen Verletzungen an der Wirbelsäule und Knochenbrüchen war für Angela Maier das schlimmste eine Trümmerfraktur des rechten Handgelenks: Es bedeutete das Aus, sich mit Krücken fortzubewegen.

 

Seither sitzt sie im Rollstuhl und wurde über 40 Mal operiert. Alle sechs Wochen muss sie seither am Kiefer operiert werden, „ansonsten würden mir die Zähne ausfallen", erklärt sie.

 

Auch ihr verbliebenes Bein hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr verschlechtert, sodass sie den Rollstuhl nicht mehr mit der Kraft des eigentlich intakten Beines anschieben kann. Doch unterkriegen hat sich Angela Maier dadurch nicht lassen. Eine Lösung war schnell gefunden: ein elektrischer Antrieb für den Rollstuhl.

 

Das Problem: Der Rollstuhl von Angela Maier ist aus der Schweiz und kleiner als ein Rollstuhl aus Deutschland. „Ich brauche einen kleineren, da ich sonst nicht durch die Gänge im Haus komme und auch das Badezimmer wäre zu klein für einen normalen Rollstuhl", erklärt sie. Da die Rollstühle aus Deutschland breiter und größer sind, sind die Elektroantriebe nicht mit dem Schweizer Modell von Angela Maier kompatibel. Aber sie gibt nicht auf und hat schließlich eine Firma in Österreich gefunden, deren Elektroantrieb passen würde.

 

Die Antriebsräder und ein paar Akkus sind bereits bestellt. Das zahlt die Krankenkasse. Da sie aber mittlerweile in der Nähe von Stallwang wohnt und die Akkulaufzeit auch von den geographischen Beschaffenheiten abhängig ist, sind diese Akkus recht schnell leer. „Ab Mittag kann ich nur noch rumsitzen und bin im Haus gefangen", sagt Maier. Einfach wieder aufladen, schlägt die Krankenkasse vor. Logisch – auch Maier hatte diese Idee schon. „Aber bei einer Ladezeit von acht Stunden ist der Tag dann vorbei." Ein zweites Paar Akkus will die Kasse nicht bezahlen. Und auch aus der eigenen Tasche ist es ihr und ihrem Mann nicht möglich, die rund 830 Euro aufzubringen.

 

Ihre Rente ist gering und die Herzerkrankung ihres Mannes verschlingt jeden Monat eine Menge Geld. Seit fünf Jahren ist nämlich auch ihr Mann schwer krank. Nach zwei Herzinfarkten ist die Hälfte seiner linken Herzseite tot. Seine Herzleistung beträgt nur noch 20 Prozent. Auch ein implantierter Defi und ein Schrittmacher können eine halbwegs normale Leistung nicht wiederbringen.

 

Ihr Humor und ihr Kampfgeist haben Angela Maier stets geholfen, mit ihrem Schicksal gut zu leben, wie sie selber sagt. Sie glaubt fest daran, dass jedem sein Leben schon aufgesetzt ist, wenn er zur Welt kommt. Maier würde sich wünschen, dass die Menschen offener mit einer solchen Behinderung, wie sie sie hat, umgehen. Ihr wäre es oftmals lieber, die Leute würden auf sie zugehen und fragen, was passiert sei, bevor sie nur verwundert schauen und die Köpfe zusammenstecken, um zu tuscheln. „Ich kann nach wie vor fast alles machen, nur eben anders." Schwierig werde es Menschen mit körperlichen Behinderungen nur immer von außen gemacht.

 

Wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde sie gerne mal für eine Woche ans Meer reisen – an die Nordsee.