„Engel gibt es doch“

Dr. Helmut Müller (3.v.r.) und sein Team von der AKS haben schon viele Typisierungsaktionen durchgeführt.

Seit 20 Jahren typisiert die Aktion Knochenmarkspende und kann so Leben retten

Von Astrid Dachs

 

19. Dezember 2015

 

Deggendorf. Dieser Tage holt Manuela Wolf die Vergangenheit wieder ein: Es war am 20. Dezember 2014, einen Tag nach der Weihnachtsfeier ihres Arbeitgebers Zitec Industrietechnik in Plattling, als ihr Lebensgefährte Peter sie wegen eines Stechens in der Brust ins Deggendorfer Klinikum bringen musste. Nie hätte sie damit gerechnet, dass sie das Krankenhaus für die nächsten sechs Wochen nicht mehr verlassen würde. Die Blutuntersuchung bringt eine Horrordiagnose: Manuela, die Frau, die normalerweise nie zum Arzt geht, hat Leukämie. Sie kommt in die Uniklinik Regensburg, auf eine spezielle, geschlossene Krebsstation. Und versteht die Welt nicht mehr: Es ist doch noch nicht alles erledigt für Weihnachten, und im Büro, wo ein Umzug ins neue Gebäude ansteht, soll sie jetzt anrufen und sagen, dass sie vorläufig nicht mehr kommt? Statt zu Hause den Baum zu schmücken und Geschenke einzupacken, liegt sie hier im Krankenbett – untätig und auf die erste Chemotherapie wartend – und fühlt sich unter all den anderen Krebspatienten wie im Gefängnis. Ihr Mann Peter und die zwei Mädchen, die er mit in die Beziehung gebracht hat, besuchen Manuela, so oft es geht. Aber zu Hause muss jetzt plötzlich Peter den Haushalt schmeißen, er sei in der Hinsicht sehr verwöhnt gewesen, erzählt Manuela schmunzelnd. Die beiden Mädchen gehen unterschiedlich mit der Erkrankung um, die Große führt ein Lebensbuch und sammelt Zeitungsartikel über Blutkrebs und Typisierungsaktionen, die Kleine zieht sich zurück und fragt nur vereinzelt nach. Aber das Leben muss für die Familie normal weitergehen: Manuela, die selber oft am Verzweifeln ist, bleibt stark, muss stark bleiben, für sie.


Ein Jahr später. Ab Januar wird Manuela wieder in ihren Job zurückkehren. Jetzt, wo sich der Tag der Schockdiagnose jährt, häufen sich die Heulattacken. Sie weiß jetzt, dass es jeden treffen kann. Und dass man – so banal es klingen mag – sein Leben genießen muss. Sie stresst sich jetzt weniger, ist lockerer, „weniger streitsüchtig", sagt ihr Freund. Nach drei Chemotherapien in Regensburg wurde mithilfe der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) ein Stammzellenspender aus Köln gefunden. Am 31. März konnte bei Manuela transplantiert werden. Seither geht es jeden Tag ein Stückchen bergauf – mit ihrer Gesundheit, mit dem Weg zurück in ein normales Leben.


Geholfen hat ihr auch die Aktion Knochenmarkspende (AKS), ein gemeinnütziger Deggendorfer Verein, der dieses Jahr 20-jähriges Bestehen feiern kann. Die AKS – zusammen mit unzähligen ehrenamtlichen Helfern und Vereinen – hatte im Plattlinger Isarpark eine große Typisierungsaktion veranstaltet. Über 1 000 Menschen ließen sich Blut abnehmen und in einer Datenbank registrieren, und auch hier ist bereits wieder ein Erfolg vorzuweisen: Von den im März in Plattling registrierten und ausgewerteten potenziellen Stammzellenspendern konnte eine passende Spende ermittelt werden. Demnächst kann hier bei einem Krebspatienten transplantiert werden. Der Kopf hinter der engagierten Arbeit der AKS Deggendorf ist der Urologe Dr. Helmut Müller. Er ist nicht nur erster Vorsitzender, sondern auch unermüdlicher Kämpfer für die gute Sache. In 20 Jahren ehrenamtlicher Arbeit konnten allein in Deggendorf 20 000 neue Stammzellenspender den Dateien zugeführt werden.


Ohne diese weltweite Datenbank und die Bereitschaft vieler hilfsbereiter Menschen, sich typisieren zu lassen, könnte Manuela Wolf wohl nicht so zuversichtlich und dankbar in die Zukunft blicken: „Engel gibt es doch" – diese Anzeige wollen Manuela und Peter mit einem Foto von sich an Weihnachten in unserer Zeitung schalten. Und damit „Danke" sagen, für die Unterstützung und Hilfsbereitschaft, die sie von der AKS und den Menschen in Niederbayern erhalten haben.