Ein Further, der seit 44 Jahren tot sein sollte

Die Geschichte von einer Fehldiagnose und einem jahrzehntelangen Leidensweg

Von Thomas Linsmeier

 

2. Dezember 2015

 

Furth im Wald. Franz S. (Alle Namen von der Redaktion geändert) war ein Baby wie unzählige andere auch, erzählt sein Vater und bekommt dabei feuchte Augen. Hans S. erzählt die Geschichte seines Sohnes, denn sein Sohn selbst kann sie nicht erzählen. Es ist die Geschichte einer ganzen Familie, deren Leben durch eine kleine Nachlässigkeit zerstört wurde. Es ist eine Geschichte, die deutlich macht, dass das deutsche Gesundheitssystem doch nicht so perfekt ist. Und es ist auch eine Geschichte, die Mut macht und zeigt, dass man für viele Kleinigkeiten des Alltags dankbar sein sollte. Es ist die Geschichte des heute 45-jährigen Franz S., der vor 44 Jahren hätte sterben sollen.

 

So drastisch drückt es sein Vater aus. „Sie hatten ihn damals aufgegeben, uns zum Sterben zurückgegeben", erinnert er sich. Damals, das war 1972. Bis dahin war der kleine Bub kerngesund. Doch plötzlich wurde er krank. „Lungenentzündung", hieß es. Und dementsprechend war die Behandlung. Doch sein Zustand verschlechterte sich immer mehr. Der Junge litt unter Krämpfen, später kam es zu Lähmungen. Franz S. war nicht mehr ansprechbar. „Als nach vier Monaten keine Verbesserung eintrat, strich die Krankenkasse die weitere Behandlung mit der Begründung, er würde sowieso sterben." Doch das sollte er nicht.

 

Seine Eltern drängten auf eine Verlegung in eine Münchener Kinderklinik. Dort wurde dann festgestellt, was dem kleinen Bub wirklich fehlt: Encephalitis – eine Entzündung des Gehirns. Sie ist meist infektiös bedingt, hervorgerufen durch Viren oder durch Bakterien. Als Folgeerscheinung traten mehrere einhergehende massive gesundheitliche Schäden auf. Franz S. war geh- und stehunfähig, seine Motorik schwer geschädigt, insbesondere die linke Hand. „Hätten sie damals gleich am Anfang einen Bluttest gemacht, hätten sie es festgestellt. Doch das haben sie nicht gemacht." Folglich begann ein langer Leidensweg voller körperlicher und seelischer Schmerzen, aber auch mit hohen Kosten.

 

Denn Unterstützung von der Krankenkasse habe es damals so gut wie keine gegeben. Franz S. durfte zwar weiterleben, doch eine Behandlung, die vielleicht seinen Zustand verbessern hätte können, wurde abgelehnt. So nahmen seine Eltern viel Geld in die Hand, um ihn in einer US-amerikanischen Spezialklinik behandeln zu lassen. Insgesamt dreimal. Zusätzlich wurde er fast fünf Jahre monatlich von einer Akupunktur-Spezialistin bei Bremen behandelt. „Das hat ihm die Sprache zurückgebracht, seinen Speichelfluss beendet und seine Augen wieder sehfähig gemacht."

 

Die Eltern von Franz S. erlernten Therapiemethoden, übten mit ihm täglich vier bis sechs Stunden, und das neben der normalen beruflichen Tätigkeit. Nach 25 Jahren in Krankenhäusern schaffte er es, ein einigermaßen selbstbestimmtes Leben zu führen. Dazu bauten seine Eltern ihre komplette Wohnung um. Doch alles war mit enormen Kosten verbunden. „Wir sind früher rund 120000 Kilometer im Jahr gefahren. Wir hatten Schulden, einmal über 200000 Euro." Was es von der Krankenkasse gab, konnte das nicht aufwiegen. „Einmal 2000 D-Mark. Das war's."

 

Seiner Krankenkasse macht der Vater große Vorwürfe. Man hätte ihn und seine Frau alleine gelassen, gewollt, dass ihr Sohn stirbt. Hilfe habe er nahezu keine erfahren, im Gegenteil. Sogar Akten waren plötzlich verschwunden, betont er.

 

Er und seine Gattin seien nach den vielen Jahren der Doppelbelastung aus Beruf und Pflege ebenfalls körperlich angeschlagen. „Du hebst ihn jeden Tag, 50-mal im Schnitt. Beide wurden wir schon an den Bandscheiben operiert, Gelenke sind kaputt, die Schulter ... Unser Leben hätten wir uns einst schon anders vorgestellt", gesteht er – und muss das erste Mal lächeln, jedoch eher ironisch. Er betont aber auch: „An jedem Tag haben wir mit ihm Freude." Es seien die kleinen Dinge – als er das erste Mal einen Finger bewegte, als er selbst im Rollstuhl fahren konnte oder wenn er wie kürzlich mit 45 Jahren das erste Mal eigenständig die Toilette nutzte. Franz S. kann vieles selbst entscheiden und er kann mit seinem Elektrorollstuhl sogar durch die Straßen von Furth im Wald fahren. Nur eines bereitet dabei noch Probleme: die heimische Haustür.

 

Der 45-Jährige ist dabei immer auf Hilfe angewiesen. „Wenn wir gerade nicht zu Hause sind, muss er oft Fremde bitten, sie ihm aufzusperren. Dabei haben wir immer ein ungutes Gefühl", sagt sein Vater. Die Lösung wäre eine ferngesteuerte Haustüre. Doch die ist teuer, rund 6000 Euro. Geld, das sich Hans S. nicht leisten kann, auch aufgrund der Behandlungsschulden der vergangenen Jahrzehnte. Hier kommt unsere Weihnachtsaktion „Freude durch Helfen" ins Spiel, um Franz S.' Leben ein Stückchen glücklicher zu machen – ein Leben, dem man vor 44 Jahren keine Zukunft geben wollte...