„Die Krankheit ist ein Teil von mir“

Wilfried Baumgartl wünscht sich einen Zuschuss für die Reparatur seines Autos. Mit „Freude durch Helfen“ soll sein Wunsch wahr werden. (Foto: sy)

Wilfried Baumgartl hat trotz seiner schweren Depression den Lebensmut nicht verloren

Von Yvonne Schmid

 

2. Dezember 2015

 

Landshut. „Ich bin dankbar für meine Krankheit. Sie hat mich zu einem besseren Menschen gemacht", sagt Wilfried Baumgartl. Der 52-Jährige leidet seit vielen Jahren an einer Depression. Hinzu kommen körperliche Leiden – er erkrankte an Diabetes, hat eine Schilddrüsenunterfunktion und Arthrose. Chronische Rückenschmerzen gehören für ihn zum Alltag. Dennoch hat Baumgartl seine positive Lebenseinstellung nicht verloren: „Ich bin davon überzeugt, dass es keine Probleme, sondern nur Lösungen gibt. Das war eine der wichtigsten Lektionen, die ich in meinem Leben gelernt habe."

 

Als Jugendlicher machen sich bei ihm erste Beschwerden bemerkbar. Während seiner Ausbildung zum Bäcker plagen ihn immer wieder Rückenschmerzen. Im Alter von 30 Jahren wird bei ihm Gicht festgestellt. Die Veranlagung dazu erbte Baumgartl von seiner Mutter, sein Vater leidet an Depressionen. Doch davon lässt sich Baumgartl nicht aufhalten. Er kauft für seine Familie – er ist verheiratet, seit er 18 Jahre alt ist, und das Paar hat drei Kinder – ein abbruchreifes Haus, das er selbst mit seinen Schwagern herrichtet. „Damals habe ich handwerklich viel dazugelernt." Auch beruflich entwickelt er sich weiter und arbeitet unter anderem als Lastwagenfahrer, als Vertreter und zuletzt 18 Jahre lang als Former, Gießer und Rohteilbearbeiter bei einem Automobilhersteller. „Ich habe in meinem Leben immer körperlich schwer gearbeitet."

 

Doch irgendwann wird es ihm zu viel. Er spürt, dass etwas nicht stimmt. Baumgartl hat mehrere Bandscheibenvorfälle, leidet zunehmend an psychischen Störungen und erträgt den Druck bei der Arbeit nicht mehr. „Ich wusste aber nicht, was mir fehlt." Er recherchiert im Internet und begibt sich schließlich in therapeutische Behandlung. „Ich bin zunächst nach Mühldorf zu einem Psychiater gefahren, weil mich dort niemand kannte."

 

In der Arbeit spricht er offen über seine Erkrankung. Seine Vorgesetzten zeigen dafür jedoch wenig Verständnis – im Gegenteil: „Ich wurde gemobbt. Es ging nur darum zu funktionieren – wie ein Roboter." Baumgartl rutscht ins Burnout. „Dann ging gar nichts mehr." Während er früher nach der Arbeit zuhause gerne in seiner kleinen Werkstatt mit Holz bastelte, empfindet er mit einem Mal keine Freude mehr daran. Er wird zunehmend antriebslos, ist traurig und fühlt sich wertlos.

 

Seine Frau kann mit seiner Erkrankung nicht umgehen. „Sie dachte, dass ich faul bin und nicht arbeiten will." Monatelang kommt er kaum noch aus dem Haus. Nach einer Reha fängt er wieder zu arbeiten an. Doch nach einem Jahr holt ihn die Erkrankung wieder ein. Arbeiten kann er nicht mehr. „Ich habe immer gegen die Krankheit gekämpft. Das war falsch. Sie ist nicht heilbar und ich muss die Krankheit als Teil von mir akzeptieren. Nur so kann man damit leben", sagt Baumgartl. Jahrelang ist er in Behandlung, muss Medikamente nehmen, erleidet Rückfälle und hat Selbstmordgedanken.

 

2007 trennt er sich schließlich von seiner Frau. Auch zu seinen Kindern hat er keinen Kontakt mehr. „Meine Frau gab mir damals die Schuld an der Trennung. Ich hoffe aber, dass mein jüngster Sohn irgendwann dazu bereit ist, sich bei mir zu melden." Nach der Scheidung kauft sich Baumgartl eine Wohnung in Altdorf und arbeitet wieder. „Irgendwann war ich aber wieder so krank, dass ich nicht mehr konnte." Auf Druck seines Arbeitgebers hin unterzeichnet er einen Auflösungsvertrag seines Arbeitsverhältnisses, berichtet Baumgartner. Durch eine Sperre beim Arbeitsamt geht es ihm auch finanziell immer schlechter. Er verliert seine Wohnung und muss schließlich Privatinsolvenz anmelden. „Früher habe ich ganz gut verdient, dann musste ich plötzlich von Hartz IV leben. Die Umstellung war brutal", erzählt der 52-Jährige. Kurzzeitig kommt er bei seiner Ex-Frau unter, doch das Arbeitsamt verweigert ihm, die Miete zu zahlen. „Ohne meine Freunde hätte ich damals wahrscheinlich unter der Brücke schlafen müssen."

 

Heute lebt Baumgartl im Haus eines Freundes in der Wolfsteinerau. Seit vier Jahren bezieht er eine kleine Rente. Eine eigene Wohnung kann er sich davon nicht leisten. Dennoch versucht er, seine Freundin, die er vor drei Jahren im Landshuter Netzwerk kennenlernte, so gut wie möglich zu unterstützen. „Sie ist ebenfalls krank und hat drei Kinder. Nicht alle leben bei ihr, daher fahre ich sie zu ihnen." Der Hobbyhandwerker hilft, wo er kann, baut Möbel für seine Freundin und unterstützt sie finanziell, wenn es ihm gerade möglich ist.

 

Seit vier Jahren besucht er das Tageszentrum für seelische Gesundheit des Landshuter Netzwerks. Dort tauscht er sich mit anderen psychisch Erkrankten aus und nimmt an therapeutischen Arbeitsprojekten teil. Er baut Vogelhäuser aus Holz oder restauriert alte Möbel. Diese Arbeit hat ihm viel bedeutet, doch inzwischen sind die Schmerzen wieder stärker geworden. „Seit Januar geht das leider nicht mehr. Ich bin nicht mehr so belastbar."

 

Obwohl er weiß, dass seine Erkrankungen schlimmer werden, versucht er nach wie vor, positiv zu denken. „Ich ziehe aus jeder Sekunde meines Lebens etwas Gutes, sonst könnte ich nicht weiterleben." Baumgartl ist gern in der Natur und gönnt sich viel Ruhe.

 

„Früher war ich schnell auf 180. Heute habe ich viele schlechte Eigenschaften abgelegt und fühle mich besser." Er habe seinen innerren Ruhepol gefunden. Der Frührentner hat sich vorgenommen, sein Leben solange er kann zu genießen. „Mein Arzt hat mir gesagt, dass ich mit 60 vielleicht im Rollstuhl sitze." Trotzdem schmiedet Baumgartl Zukunftspläne. Sein Lebensmotto: „Es hilft nichts, sich ständig Sorgen zu machen. Es gibt immer eine Lösung." Um ihm eine Sorge abzunehmen, möchte die Mediengruppe Landshuter Zeitung/Straubinger Tagblatt Wilfried Baumgartl mit ihrer Spendenaktion „Freude durch Helfen" unterstützen und Spenden sammeln. Sein Auto benötigt dringend eine Reparatur, die mit dem Geld finanziert werden soll.