Den eigenen „Macken“ ausgeliefert

Konrad Bruckner läuft täglich etwa 15 Kilometer. Nur dabei kann er abschalten. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Wie eine Zwangsneurose das Leben eines Landshuters bestimmt

Von Yvonne Schmid

 

24. Dezember 2015

 

Landshut - Seinem Gegenüber zur Begrüßung die Hand zu geben – für viele eine Selbstverständlichkeit. Nicht so für Konrad Bruckner (Name von der Redaktion geändert). Bruckner leidet unter einer Zwangsneurose. Dinge, die die meisten Menschen im Alltag ohne darüber nachzudenken tun, sind für ihn durch die Erkrankung unmöglich. Er leidet unter Zwängen, „scheiß Macken", wie er sagt, die sein Leben kontrollieren. Die Angst sich mit Bakterien „zu verseuchen" ist so gut wie allgegenwärtig.


Angefangen haben seine Zwänge im Alter von zehn Jahren durch einen einfachen Spruch: „Wasch' dir die Hände, du weißt ja nicht, wer das alles vor dir schon angefasst hat." Ein Satz, der sich in Bruckners Gedächtnis eingebrannt hat. Der heute 48-Jährige wuchs im Kinderheim auf. Zunächst machten sich seine Zwänge vor allem beim Toilettengang bemerkbar. Sich auf die Toilette zu setzen, ohne sie vorher mit mehreren Lagen Klopapier zu bedecken, ging plötzlich nicht mehr. Irgendwann reichte auch das nicht mehr aus. Seit vielen Jahren kann er sich überhaupt nicht mehr auf eine Toilette setzen – aus Angst Bazillen könnten in seine Beine gelangen.


Schritt für Schritt wurden seine Zwänge schlimmer. Nach zehn Jahren im Kinderheim lebte er ein Jahr lang bei seinem Vater und seiner Stiefmutter, die nur wenig Zeit für ihn hatten, dann vier Jahre bei seiner Oma. Dort ging es ihm etwas besser, aber nur vorübergehend. An einem neuen, unbekannten Ort werden die Zwänge vorübergehend leichter: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß", sagt Bruckner. Anvertraut hat er sich damals niemandem, „weil du ja selbst nicht weißt, was mit dir los ist. Also habe ich alles verheimlicht." Auch heute wissen seine Familie und Bekannten nichts von seiner Erkrankung. Kontakt hat er mit seiner Familie nur äußerst selten.


Als junger Mann hatte er eine Lehre als Koch begonnen, die er wenig später wieder abbrechen musste. „Allein wenn mir der Dampf aus einem Kochtopf entgegenkam, wollte ich am liebsten weglaufen." Auch seine zweite Lehre als Schreiner konnte er nicht beenden. Auf Druck seines Vaters hin ging er danach zur Bundeswehr. „Ich sollte ein richtiger Mann werden", erzählt Bruckner. Lang hielt er es aber auch dort nicht aus. Eine Zeit lang arbeitete er anschließend in einem Imbiss hinter der Theke. „Doch dann ging es immer mehr bergab, bis es meiner Chefin endgültig reichte." Diverse Therapieversuche scheiterten.


Sich auf einen Stuhl zu setzen, auf dem jemand anderes bereits saß, einen Tisch zu berühren oder einen Türgriff in die Hand zu nehmen, wurden für ihn unvorstellbar. „Ich fühlte mich dann mit einem Mal dreckig." Türen versucht er möglichst unauffällig mit dem Fuß zu öffnen. Sein oberstes Ziel: bloß nicht auffallen. „Ich will nicht in eine Ecke geschoben werden," sagt Bruckner. Vor Kurzem wollte er eine Kirche besuchen, doch hinein kam er nicht. „Ich stand eine Stunde davor, weil ich die Tür nicht öffnen konnte." Das Schlimmste an der Zwangsneurose ist die Kettenreaktion, die sie in Gang setze. „Ich denke immer darüber nach, wo jemand seine Spuren hinterlassen haben könnte."

 

Zwölf Rollen Küchenkrepp pro Woche

In seiner kleinen Wohnung in Landshut, in der er seit knapp 20 Jahren lebt, steht er die meiste Zeit. Auch essen kann er nur im Stehen. „Die Stühle kann ich eigentlich wegschmeißen." Den Wasserhahn, die Computermaus und sein Handy kann er nicht mit bloßen Händen berühren. Um das zu tun, wickelt er seine Hände in Küchenkrepp, das er, sobald er etwas angefasst hat, auf den Boden wirft. Zwölf Rollen davon braucht er pro Woche. Seine Hände sind äußerst gepflegt – er wäscht sie an die hundert Mal pro Tag. Bevor er schlafen geht, reinigt er alle Geräte, die er benutzt hat, mit Desinfektionsspray. Doch richtig sauber ist es für ihn nie. Die Krankheit raubt ihm viel Energie und Zeit, die er gerne anders verbringen würde. Durch seine Zwangsstörung hat er außerdem hohe Nebenkosten, die er sich eigentlich gar nicht leisten kann, da er im Monat von nur 400 Euro Grundsicherung lebt.


Wenn er seine Wohnung verlässt, ist Bruckner immer gut vorbereitet. Alles wird von ihm mit Schulnoten in einen Grad der Verunreinigung klassifiziert, angefangen bei seiner eigenen Kleidung. Für jedes Vorhaben wählt er zuvor die passende Kleidung aus. Trägt er für draußen eine Hose mit der Note 5, kann er sich nur auf einen Sitzplatz mit der Note 5 setzen. Auch die einzelnen Taschen seiner Kleidung haben unterschiedliche Noten, je nachdem was er darin aufbewahrt. Zuhause hat er seine Kleidung nach dieser Einteilung sortiert. Anziehen kann er sich nur im Stehen und auch dabei muss er durch die Zwangsstörung höllisch aufpassen. Berührt seine Hose den Boden, der für ihn die Note 6 hat, ist sie verseucht und er muss sie waschen. Wäscht er seine Hände und ein Spritzer des Wassers trifft seine Hose, muss er sie erneut reinigen. Passen die Noten nicht zusammen, ist das für Bruckner ein großes Problem. Besonders schlimm wird es für ihn, wenn er zum Beispiel in einer Schlange an der Supermarktkasse steht. „Es darf nicht zu eng werden, sonst bekomme ich Schweißausbrüche." Auch eine Beziehung mit einer Frau zu führen, ist für ihn äußerst schwierig. „Neun von zehn Frauen dürfen mich nicht berühren." Mehr als kurze Verhältnisse hatte Bruckner nie. Wohl fühlt er sich eigentlich nur beim Sport. Bruckner läuft jeden Tag rund 15 Kilometer: „Dann schalte ich ab." Ohne die Erkrankung wäre er gerne Sportler geworden.

 

„Es ist mein Auftrag im Leben"

Seit 28 Jahren wird er vom Landshuter Netzwerk betreut. In seine Wohnung lässt er jedoch niemanden. Mit seiner Betreuerin kann er sich daher nur vor seiner Wohnung treffen. Auch Weihnachten feiert er allein in seiner Wohnung. Dass die Zwangsneurose in Zukunft besser wird, glaubt Bruckner nicht. „Ich habe verloren, aber es ist wohl mein Auftrag im Leben, mich damit abzufinden und das habe ich." Sein Ziel: „Ich möchte psychisch überleben. Depressiv bin ich aber nicht. Ich bin eigentlich ein zufriedener Mensch."


Mit der Spendenaktion Freude durch Helfen soll Bruckner ein neues Schlafsofa finanziert werden. Da er aufgrund seiner Erkrankung mit seinem gebrauchten, alten Schlafsofa nicht zurechtkommt und ihn Rückenschmerzen plagen, soll ihm damit wieder ein gesunder Schlaf ermöglicht werden. Zudem würde er sich über einen kleinen Zuschuss für einen begleiteten Städteausflug freuen, da ihm diese alljährliche Tradition in der Weihnachtszeit viel bedeutet.