„Es ist ein Gefühl, wie auf Wolken zu gehen“

Karin B. hat niemals aufgegeben und kann heute wieder aus eigener Kraft gehen. 300 Meter schafft sie mittlerweile, auch Treppen traut sie sich wieder hinauf und hinab zu steigen. (Foto: privat)

29. November 2014

 

Von Ingmar Schweder

 

Zu Treppen habe ich eine gespaltene Einstellung", sagt Karin B. (Name von der Redaktion geändert). Sie ist etwas außer Atem aber glücklich, im zweiten Stock des Verlagsgebäudes der Landshuter Zeitung angekommen zu sein. Das Erstaunliche: Die 40 Stufen hinauf meisterte die 35-Jährige, die seit über zehn Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen ist, nur mit Hilfe eines Gehstocks. Bald möchte sie möglichst ganz vom Rollstuhl wegkommen. Doch dieser Kampf ist nicht die einzige Sorge im Leben von Karin B. Seit geraumer Zeit wird die 35-Jährige von einem Nachbarn terrorisiert. An Schlaf und Ruhe ist in ihrer Wohnung kaum noch zu denken. Der Lärm und die täglichen Anfeindungen gegen die gehandicapte Frau verschlimmerten zudem die epileptischen Anfälle, unter denen sie seit ihrer letzten Operation leidet. Nach einem psychischen Zusammenbruch und drei Wochen auf einer Kriseninterventionsstelle, nimmt sie ärztlich verordnete Medikamente. Zusätzlich sucht sie wöchentlich Unterstützung bei der Diakonie.

 

„Um mich psychisch über Wasser zu halten."
Karin B. will Laufen lernen: Für sie ist das alles eine Sache der Übung. Und es ist ihr unbändiger Wille, irgendwann wieder gehen zu können, der sie antreibt. 300 Meter schafft sie schon – ohne ihren Rollstuhl. „Treppensteigen ist gut für die Muskulatur", sagt die Frau, die sich nach einem Unfall und vielen Folgeoperationen langsam an das Leben herantastet. „Irgendwann sollen es drei Kilometer sein", sagt sie voller Zuversicht. Es gab Zeiten, da sahen die Prognosen für die gelernte Ergotherapeutin düster aus. Dabei war es ein Treppensturz, mit dem das Leben der jungen Frau aus den Fugen geriet. Sie hatte in der Dachkammer bei Bekannten übernachtet. Sie war gerade aufgestanden und wollte die Wendeltreppe hinabsteigen, um sich an den Frühstückstisch zu setzen. Über ihre Füße zog sie ihre Lieblingssocken. „Das waren so Kuschelsocken", sagt die 35-Jährige. Sie rutschte auf den ersten Stufen der Holztreppe aus. Mit einem lauten Poltern stürzte sie hinab und schlug mit einem lauten Knall im Wohnzimmer auf. „Bloß nicht aufhören zu atmen", schoss es ihr damals immer wieder durch den Kopf. Karin B. konnte sich nicht mehr bewegen. Ihr Körper fühlte sich merkwürdig taub an.


„Ich wusste gleich, ich habe mir etwas Schlimmes getan"
An das hektische Treiben um sie herum kann sich Karin B. kaum erinnern, an ihren unfreiwilligen Sturz um so mehr. Beim Fallen spürte sie, wie die Knochen in ihrem Körper brachen. „Aber viel schlimmer waren diese hässlichen knackenden Geräusche. Ich wusste gleich, ich habe mir etwas Schlimmes getan." Karin B. behielt recht: Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass ihre Wirbelsäule an drei Stellen gebrochen war. Doch es kam noch schlimmer: Die Verletzungen waren so massiv, dass sich innerhalb des Wirbelsäulenkanals während des Heilungsprozesses zu viel Narbengewebe bildete, das den Fluss von Nervenwasser massiv behinderte. Die Folge waren eine seltene Rückenmarkserkrankung, die zu einem Wasserkopf führte.


Die 35-Jährige wurde Stammgast auf dem Operationstisch. Sie bekam eine Apparatur in ihren Körper eingebaut, die ihr Leben retten sollte. Zunächst platzierten Ärzte ein Implantat mit einer Pumpe unter ihrer Schädeldecke. Das Gerät ist mit Schläuchen verbunden, die von ihrem Gehirn durch ihren Hals bis in den Bauch verlegt wurden. „Dort kann das Nervenwasser über den Blutkreislauf abgebaut werden", sagt Karin B, die sich seitdem ein bisschen wie ein Roboter fühlt. Die Geräusche, das Klicken und Klacken des Gerätes, die sie in ihrem Kopf hört, daran hat sich Karin B. gewöhnt. Schlimmer sind die epileptischen Anfälle, mit denen B. seit ihren Operationen zu kämpfen hat. Dann braucht Karin B. besonders viel Ruhe. Doch die ist ihr seit geraumer Zeit nicht vergönnt.


Ihr Nachbar terrorisiert die Frau seit geraumer Zeit nach Leibeskräften. Der Mann, der wie Karin B. sagt, offenbar unter einem Alkoholproblem leidet, wohnt in der Wohnung über der 35-Jährigen. „Nachts wird es dort sehr laut. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Wenn ich Ruhe brauche, nagt das extrem an der Psyche", sagt Karin B. Trifft sie ihren Nachbarn im Treppenhaus, wird sie von ihm schikaniert. Eines Tages musste sie feststellen, dass ihr Rollstuhl, den sie für Einkäufe und Unternehmungen nutzt – und der im Keller des 18 Parteinenhauses steht – demoliert wurde. Karin B. ist sich sicher, dass dafür ihr Nachbar verantwortlich war.


Mittlerweile muss sich Karin B. fast täglich mit dem Psychoterror auseinandersetzen. „Manchmal traue ich mich schon überhaupt nicht mehr aus der Wohnung", sagt die 35-Jährige, die mittlerweile panische Angst vor dem aggressiven Mann hat. Unterkriegen lässt sich Karin B. dennoch nicht. Sie will weiterhin daran arbeiten, wieder gehen zu können. Seit 2009 nimmt sie regelmäßig an geeigneten Therapien teil. „Los ging alles mit einem Stehtrainer", sagt Karin B. „Stehen zu können, das war – nach über acht Jahren – ein Gefühl wie schweben, wie auf Wolken gehen."


Info
Karin B. braucht für ihren weiteren Lebensweg eine rollstuhlgerechtere Wohnung. Zudem leidet die junge Frau sehr unter der aktuellen Wohnsituation. Mit der „Freude durch Helfen"-Spendenaktion möchte die Mediengruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung Karin B. bei ihrer Wohnungssuche unterstützen.