„Es geht um die Existenz“

13. Dezember 2014

 

Die Mitarbeiterin einer Beratungsstelle über die Sorgen ihrer Klienten

 

Interview: Sophie Schattenkirchner


Durch die Stadt bummeln, einen Cappuccino trinken, abends einen Kinofilm ansehen oder mit Freunden in ein Restaurant gehen: Was für die meisten Menschen selbstverständlich ist, können sich die Frauen, die zu der Mitarbeiterin einer Beratungsstelle aus dem Verbreitungsgebiet kommen, gar nicht vorstellen: „Bei ihnen geht es um die Existenz." Diese bedürftigen Menschen können Sie unterstützen.


Aus welchen Gründen wenden sich Frauen an die Beratungsstelle?
Bei uns geht es hauptsächlich um die Themen Schwangerschaft und Geburt. Oft stellt sich die Frage, wie es für die Frauen weitergeht, wenn die Beziehung zerbricht oder der Partner verstirbt. Wir begleiten die meist alleinerziehenden Frauen nach der Geburt. Nicht nur, dass diese Tag und Nacht mit dem Kind alleine sind, oft gibt es Probleme mit Arbeitgebern oder die Arbeitszeiten machen den Frauen das Leben schwer. Neulich war eine Frau hier, die eine Untersuchung hatte. Wenn sie nun ins Krankenhaus muss, weiß sie nicht, wem sie ihr Kind geben kann. An diesem Punkt helfen wir, wenn die Frauen das Gefühl haben, keine Kraft mehr zu haben.

 

Woran erkennen Sie als Mitarbeiterin einer Beratungsstelle, wann jemand nicht nur Beratung sondern auch finanzielle Hilfe braucht?
Viele verdienen einfach ganz wenig, das ist der Hauptgrund. Es ist alles sehr knapp berechnet. Wenn dann auf einmal eine Waschmaschine kaputt geht oder man Winterreifen braucht, befinden sich diese Menschen auf einmal in einer Existenzkrise. Kinder brauchen auch so viele Sachen für die Schule. Oft wird einfach vorausgesetzt, dass man einen Computer mit Internetzugang hat, manche Hausaufgaben können die Kinder nur noch per E-Mail verschicken. Für manche Haushalte ist das schlicht nicht möglich. Auch Schulausflüge stellen für manche Familien große Probleme dar.


In Deutschland gibt es doch eigentlich viele Ämter, an die man sich wenden kann...
Ja, aber bis die Anträge durch sind, vergeht oft viel Zeit. Aber auch in dieser Zeit muss Miete gezahlt und Essen gekauft werden.

 

Viele Geschenke unter dem Christbaum sind für die meisten Menschen selbstverständlich. Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer Arbeit gemacht?
Wenn es kleine Geschenke gibt, dann nur für die Kinder. Die Frauen bekommen oft jahrelang gar nichts geschenkt. Dabei geht es nicht um den materiellen Wert, sondern um die Aufmerksamkeit für einen Menschen und einmal etwas nur für sich zu bekommen. Das kann ein Gutschein für einen Friseur- oder Kinobesuch sein, oder ein Gutschein für ein neues Kleidungsstück. Die Frauen freuen sich sehr darüber, und können es meist gar nicht glauben.