Ein rettender Strohhalm

20 Dezember 2014

 

Ein Erfahrungsbericht aus einer Selbsthilfegruppe für krebskranke Menschen


Freising. „Seit ich bei der Gruppe mitmache, bin ich ein anderer Mensch geworden. Ich habe wieder zu mir gefunden und es macht Mut, wie andere um mich herum ihr Leben meistern." Dieser Satz stammt von einem Betroffenen, der lernen musste, mit der Diagnose Krebs zu leben. Er ist Mitglied bei der Selbsthilfegruppe Krebs „Lymphome, Leukämien und Plasmazytome" in Freising. Gegründet wurde die Selbsthilfegruppe von Günter Schreiner vor sechs Jahren nach seiner eigenen Erkrankung. Die Aktion „Freude durch Helfen" möchte heuer die Krebsselbsthilfegruppe in ihrer vielfältigen Arbeit unterstützen.


Die Gruppe ist für alle Krebspatienten offen. Über 40 Frauen und Männer mit verschiedenen Krebserkrankungen finden sich hier zusammen. „Unser Credo lautet: Krebspatienten sollen sich bei uns aufgehoben und verstanden fühlen. Vielschichtige Hilfen, Informationen von Fachärzten zur eigenen Erkrankung, Ernährungsberatung bis zu psycho-onkologischen Fragen werden behandelt und Wege zur Hilfe aufgezeigt", so beschreibt sich die Gruppe selbst. Ein Angehöriger einer an Krebs erkrankten Frau – beide Teilnehmer der Selbsthilfegruppe – hat für die Hallertauer Zeitung einen Bericht über das Leben nach der Diagnose Krebs zusammengefasst: „Am Anfang stand die Diagnose. Eine Diagnose, wie sie täglich viele Menschen in unserem Lande von einem Arzt zu hören bekommen: Sie haben Krebs. Zunächst nur ein Wort, aber dennoch sehr viel mehr. Eine ganze Lawine von Gedanken und Gefühlen, die sich fast augenblicklich über einen wälzt. Angst, Wut, Verzweiflung, Sorgen um die Zukunft und vieles mehr bestimmen nach dem ersten Schock das Denken. Fragen nach dem ,Warum?' und auch dem ,Warum ich?' werden von diesem Moment an zu quälenden Begleitern.


Daheim: Die Familie und der Partner wissen von nichts – und auch für sie ist es der gleiche Schock, sind es ähnliche Gefühle und Ängste und die gleiche Hilflosigkeit in der momentanen Situation. Keiner weiß vorher, wie er in so einer Lage reagieren wird. Wie bei einem Unfall müssen wir uns erst auf die neuen Gegebenheiten einstellen.

 

Hilfe. Aber woher und von wem?
Was alle Beteiligten dringend benötigen, ist Hilfe. Aber woher und von wem? Zunächst sind da mal die Ärzte und das medizinische Personal gefragt. Deren Zeit ist vielfach sehr knapp bemessen für all die vielen Fragen, die Ängste und Sorgen. Angehörige, Freunde oder Nachbarn? Wer will seine neuen Lebensumstände gleich an die große Glocke hängen? Und wenn schon geschehen, wie gehe ich mit der dann unkontrollierbaren Flut von zum Teil widersprüchlichen, gut gemeinten Ratschlägen um? Dies war der Moment, wo ich mich auf die Suche nach einer Selbsthilfegruppe machte. Ich wurde schließlich im Internet fündig. So führte uns, das heißt, meine Frau als Betroffene und mich als Angehörigen, der Weg zur Selbsthilfegruppe für Krebskranke in Freising. Hier hatten wir die Hoffnung Menschen zu finden, die in der gleichen Lage sind wie wir, denen wir nicht groß erklären mussten, wie es uns gerade geht und wie wir uns fühlen. Menschen, mit denen ich offen reden kann, denen ich Fragen stellen darf ohne Sorge, missverstanden zu werden – einfach Menschen, die den gleichen Weg gehen oder schon gegangen sind. Natürlich hatten wir auch Bedenken. Wird da vielleicht nur über Krankheit geredet, werden meine Ängste und Sorgen noch verstärkt und bestätigt? Kann ich das zusätzliche Leid anderer Menschen auch noch verkraften? Wir sind hingegangen. Es war ein erster wichtiger Schritt heraus aus einer gewissen Isolation, in die wir durch die neue Situation gekommen waren. Anfangs war der Wunsch nach Information sehr groß. Der Erfahrungsaustausch und die Weitergabe von nützlichen Tipps, Adressen von Ärzten, Sozialarbeitern, Psychoonkologen und vieles mehr haben uns geholfen. Auch Vorträge von Fachleuten zu unterschiedlichsten Themen und Gebieten werden angeboten. Die Selbsthilfegruppe hat über Jahre einen riesigen Fundus an Informationen, Kontakten und Erfahrungen gesammelt, und daraus durften wir schöpfen.


„Ich muss nichts.Ich entscheide selber"
Niemand will einem was aufschwatzen, aber jeder hat ein offenes Ohr und hört zu. Die Gruppen sind auch untereinander vernetzt, so dass ich als einzelnes Mitglied Teil eines großen Netzwerkes werde, in dem viele Betroffene, Angehörige und zahlreiche engagierte Fachleute miteinander in Kontakt treten können. Die Betonung liegt auch hier auf können – ich muss nichts, ich entscheide selber. Der Austausch von Erfahrungen ist wichtig, aber das Erleben von Gemeinschaft, das miteinander Reden noch mehr! Es geht dabei nicht um ein Verdrängen oder Fürchten vor der Wirklichkeit, sondern einfach um mein Leben. Genau das ist es, was eine Selbsthilfegruppe leisten kann. Die Hilfe zur Selbsthilfe.


Das eigene Leben geht weiter und wir freuen uns darüber. Trotz mancher Bedenken und Zweifel ist uns bewusst geworden, wie wichtig es ist, sich in einer so einschneidenden neuen Lebenssituation, wie der Krebserkrankung, Unterstützung zu holen. Und gerade eine Selbsthilfegruppe kann eine entscheidende Hilfe sein – sowohl für den Betroffenen, den Angehörigen und auch für die ganze Familie. Selbsthilfegruppen leisten eine wichtige Arbeit, die uns auch sehr weitergeholfen hat. Für viele Menschen kann eine Selbsthilfegruppe die echte Hilfe sein, die zum Weiterleben fehlte. Es ist daher sicher den Versuch wert, nach diesem Strohhalm zu greifen."

 

Die Selbsthilfegruppe über sich:
Wir sind kein Trauerverein! Von Sommerfesten, vergünstigten Reisen, Biergartentreffen, bis zu Kegeln und Yogakursen – alles kann wahrgenommen werden. Wir treffen uns jeden ersten Mittwoch des Monats im Freisinger Krankenhaus, im siebten Stock, um 19 Uhr.