Ein bewundernswerter Kämpfer

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Er will gewinnen und wehrt sich mit aller Kraft gegen eine schlimme Krankheit. Alexander Käss ist vor einem Jahr an einer seltenen Form eines Knochentumors erkrankt.

21. November 2014

 

Der zehnjährige Alexander Käss leidet an einem aggressiven Knochenkrebs

 

Köfering - Wäre doch schon Weihnachten. Ein ganz besonderes Fest könnte es werden für die Familie Käss. Nicht etwa, weil goldener Schmuck unter dem Christbaum liegen würde oder ein teueres Tablet. Das Geschenk wäre viel kostbarer. Viel wertvoller. Vollendete Freude würde ein ärztlicher Befund auslösen, die optimistische Diagnose für Alexander, der an einer seltenen Form von Knochenkrebs erkrankt ist. Zwölf Monate eines schrecklichen Martyriums liegen hinter dem zehnjährigen Buben mit dem beispielgebenden Mut, der den Kampf seines Lebens kämpft. Eine Chemotherapie mit sechs schweren Tagen steht noch aus. Dann hätte er den steinigsten Abschnitt seines beschwerlichen Weges geschafft.


Eigentlich hätte die Behandlung schon beginnen sollen. Aber sie muss verschoben werden. Eine Entzündung im Mundraum erzwingt die Verzögerung. Alexander geht es momentan gar nicht gut. Sobald eine Besserung erkennbar ist, wird der energische Widerstand gegen die furchtbare Krankheit wieder aufgenommen. Mit aller Entschlossenheit, mit aller Zuversicht, die Eltern, Großeltern und Bruder Johannes vereint. Für sie steht Alexander an erster Stelle, für sie ist er der wichtigste Mensch, auf ihn konzentrieren sie alle Liebe, Zuwendung und Zeit, die sie geben können. Auch „Samy" ist eine wichtige Stütze, ein treuer, unverzichtbarer Freund. Der kleine, drollige Hund weicht nicht von seiner Seite.


Diese Geborgenheit richtet auf, diese Zuneigung stärkt die physischen und psychischen Kräfte, seinen festen Willen, dieses tiefe Tal zu überwinden. Nur der Junge zählt, der so tapfer ist, der so viele Schmerzen ertragen hat, mehr als zumutbar sind. Sechs Blöcke mit 17 Chemos sind gemeistert, diese eine, die letzte Lücke im Therapieplan muss noch geschlossen werden.
Zwölf Monate, randvoll mit Sorgen, Kummer und quälender Ungewissheit, haben sie mittlerweile überstanden, eine Extremsituation zwischen Hoffen und Bangen. Am 12. November 2013 verändern sich Alltag und Lebensrhythmus der Familie. Petra und Hans Käss erhalten die bittere Nachricht, dass ihr fröhlicher, lebhafter Sohn an einem Osteosarkom leidet – einer seltenen, bösartigen und aggressiven Form des Knochentumors. Eine Welt gerät aus den Fugen, auch deshalb, weil keine Zeit verloren werden darf. Alexander muss schnell geholfen werden, auf der Stelle. Er kommt in die Orthopädische Klinik nach Ingolstadt. Er wird operiert. Die Amputation des Beins erfolgt nach der Methode der Umkehrplastik: Der Oberschenkel wird entfernt, der Unterschenkel um 180 Grad gedreht und an den Stumpf genäht.


Umgehend folgen in der Regensburger Kinderuniversitätsklinik die Chemos, die so schwer zu verkraften sind und dem Buben arg zusetzen. Eine enorme Belastung, für ihn, für jedes Familienmitglied. Mutter und Vater wechseln sich am Krankenbett ab. Ein Jahr mit Höhen und Tiefen, mit Fortschritten und Rückschlägen, mit Momenten der Schwermut und tröstlichen Lichtblicken, die den festen Glauben fördern, dass der Wendepunkt erreicht werden kann.

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An die Prothese hat sich der zehnjährige Bub schon gewöhnt. Mit ihr trainiert er sogar an der Kletterwand. (Fotos: privat)

Alexander ist es, der anderen Mut macht

Alexander ist es, der Mut macht. Er ist hart im Nehmen. Ein zäher Bursche eben. Er hält durch. Er wehrt sich. Er will gewinnen, unbedingt. Er will den Krebs besiegen. Komme, was wolle. Er arrangiert sich mit der Krankheit, er akzeptiert die gewaltige Veränderung, stellt sich auf seine Behinderung ein und lernt rasch mit den Prothesen zu gehen. Ohne Gymnastik, ohne Training, ohne Krücken. Derzeit bringt der Bub 18,2 Kilo auf die Waage. Es waren schon mal weniger, berichtet sein Vater von einem bescheidenen Aufwärtstrend, der sich seiner Überzeugung nach fortsetzen wird, wenn er wieder ohne Einschränkungen essen kann. Weihnachten könnte diese Möglichkeit bestehen.


Den Energiespeicher laden auch Freunde auf, aufgeschlossene Personen mit viel Gefühl, denen dieses Schicksal sehr nahe geht. Die Köferinger leisten mit einer Spendenaktion Beistand und die Organisatoren der Gewerbeschau in Wörth mit Hans Piendl, ebenso die Arbeitskollegen von Hans Käss, der beim Schulverband Alteglofsheim als Hausmeister angestellt ist. Die Hilfsbereitschaft schlägt hohe Wellen, sie ist „unglaublich groß", bedankt er sich im Rückblick.


Noch größer ist nur die Freude seines Sohnes, als er Ende Juni das Trikot der deutschen Nationalmannschaft mit den Autogrammen der Kicker bekommt. Richtig stolz ist er auf das Kleidungsstück, das Benjamin Eder beschafft hat. Und „Eden Reha" kommt der Familie erneut entgegen. „Wir haben schon die Zusage, dass Alexander im Januar oder Februar zur Reha nach Donaustauf kommen darf." Diese Zeichen des Mitgefühls sind es, die Auftrieb geben und zu Herzen gehen.


Zuhause müssen die Zimmer keimfrei sein

Zuhause richtet sich die Familie den Umständen entsprechend ein. Keimfrei müssen die Zimmer im Haus sein, weitgehend zumindest. Kein Teppich liegt am Boden, der der Staub verursachen könnte, keine Blume steckt in der Vase; kein Glas Marmelade, keine Flasche Limo darf länger als 24 Stunden geöffnet sein. Darauf ist peinlich genau zu achten, alle möglichen Krankheitserreger sind auszuschließen, jeder Bakterienherd könnte ihm schaden und das Therapieziel ernsthaft gefährden.


Kein Aufwand ist der Familie zu hoch, auch nicht finanziell. Außen- und Treppenlift sind heuer eingebaut worden, um den Bewegungsradius für Alexander zu erweitern. Nächstes Jahr wird – sofern sich der Zustand von Alexander stabilisiert – die Inneneinrichtung den Anforderungen angepasst. Rund 85 000 Euro wird der Umbau nach Einschätzung von Hans Käss kosten. 2015 soll überhaupt vieles besser werden, das Leben ein Stück weit zurück zur Normalität führen. Priorität haben Wohl und Zukunft des Kindes, dem der Vater viel zutraut: „Er ist ein bewundernswerter Kämpfer." In vier, fünf Wochen wissen Petra und Hans Käss wohl mehr. - jr -