„Armut ist bei uns nicht nach außen sichtbar“

Im neuen Auto ist Platz für Marias Rollstuhl, außerdem kann sich die Familie bei längeren Fahrten zu Ärzten wieder auf ihren fahrbaren Untersatz verlassen. Von der Aktion Tellerrand erhielten sie 3 000 Euro, um den von Stiftungen geforderten Eigenanteil für das Auto bezahlen zu können. (Foto: Lang)

06. Dezember 2014

 

Aktion Tellerrand in Viechtach hilft in Einzelfällen unbürokratisch und anonym
Von Manuela Lang

 

Viechtach. „Wir leben zwar in einem Sozialstaat, aber es treten immer wieder Situationen ein, in denen Menschen nicht mehr weiterwissen, weil keiner mehr für sie zuständig ist", erzählt der evangelische Pfarrer Ernst-Martin Kittelmann, „auch hier in Viechtach." Zusammen mit dem katholischen Pfarrer, Dr. Werner Konrad, betreut er die Aktion „Tellerrand", die vor fünf Jahren auf Initiative des ehemaligen Redaktionsleiters des Viechtacher Anzeigers, Heiko Langer, entstand. Die verlagsweite Spendenaktion „Freude durch Helfen" der Mediengruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung soll heuer in Viechtach dieser Aktion zugutekommen, denn hier kommt die Hilfe direkt bei denen an, die sie brauchen.


Auf Spenden der Aktion Tellerrand haben beide Pfarrer Zugriff. „Tritt eine akute Situation ein, dann können wir schnell helfen", erklärt Kittelmann, der aber auch betont, dass dies nicht ungeprüft geschehe. „Wir informieren uns zuvor bei anderen Stellen und Ämtern." Zudem sei die finanzielle Hilfe als Kleindarlehen gedacht, damit eine Verpflichtung enthalten ist, den Leuten aber keine Angst gemacht wird. „Es ist den Menschen auch wichtig, dass sie nichts schuldig bleiben und das Geld wieder zurückzahlen können, in dem Umfang und Zeitrahmen, wie es ihnen möglich ist." Im Grunde also eine Mini-Bank, die keine klassischen Sicherheiten verlangt und auch keine Zinsen einfordert. Aber ist es denn in unserer heutigen Zeit des Wohlstands überhaupt noch nötig, Geld für „arme" Menschen zu spenden? „Es geht bei uns nicht mehr ums Verhungern. Den Menschen machen ihre diversen Zahlungsverpflichtungen zu schaffen, vom Strom über die Mietkaution bis hin zur Autoreparatur", erklärt Kittelmann. „Armut ist bei uns nicht nach außen sichtbar. Den Betroffenen ist es nicht anzumerken, sie leben normal, sind normal gekleidet, verhalten sich normal. Doch plötzlich tritt eine Situation ein, die sie nicht mehr bewältigen können."


Beispiele kennen Konrad und Kittelmann genügend: Wenn zwei verschiedene Ämter zuständig sind, eines nicht mehr, das andere aber noch nicht bezahlt; wenn bei einem Umzug Kühlschrank und Waschmaschine gleichzeitig kaputt gehen; wenn bei einer Umschulung die Fahrtkosten nicht gezahlt werden und am Ende des Monats einfach kein Geld zum Tanken mehr auf dem Konto ist; wenn ein Auto zum TÜV muss, die Reparatur aber zu teuer ist; wenn die Mietkaution nicht auf einmal bezahlt werden kann... So schlecht wie früher gehe es den Leuten bei uns natürlich nicht mehr – „Zum Glück", sagt Kittelmann – aber damals brauchte man zum Beispiel nicht unbedingt ein Auto, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Man kaufte es sich erst, wenn man das Geld dazu auch hatte. „Heute ist das Auto Voraussetzung für den Beruf. Früher konnte man die Lampe nur anzünden, wenn man noch genügend Öl hatte, heute hängt am Strom alles – vom Kühlschrank bis zum Ofen. Wenn dann der Strom abgedreht wird, sind einem die Hände gebunden", ergänzt Konrad.


Von solchen Fällen kann auch Heiko Langer berichten, der damals die Aktion Tellerrand ins Leben rief und heute als Pressesprecher am Landratsamt Regen arbeitet. „Es gibt immer wieder Menschen, die durchs Raster fallen. Es wäre wünschenswert, wenn es in allen Gemeinden im Landkreis solche Aktionen gäbe", sagt Langer. Diejenigen, denen Tellerrand bereits geholfen hat, sind äußerst dankbar, so wie Familie Schreiner (Namen der Betroffenen von der Redaktion geändert). Erika und Horst haben zwei Kinder, den siebenjährigen Thomas und die achtjährige Maria. Soweit alles normal – nur Maria ist schwer behindert. Sie kam viel zu früh zur Welt, ihre Nerven konnten sich nicht richtig ausbilden und so ist sie heute auf dem Stand einer Zweijährigen und braucht natürlich dementsprechende Betreuung und Zuneigung. Doch die Schreiners beklagen sich nicht, im Gegenteil, sie bewältigen ihren Alltag mit bewundernswerter Stärke und Gelassenheit. Nur als ihr altes Auto plötzlich kaputt wurde, mehrere Reparaturen ihre mageren Ersparnisse aufgefressen hatten, da ging ihnen langsam die Kraft aus. Erika und Horst informierten sich, es gäbe einige Stiftungen, die man um Hilfe bitten könnte.


„Insgesamt haben wir 200 verschiedene angeschaut, die meisten aber sind auf spezielle Krankheiten ausgerichtet, die in unserem Fall nicht zutrafen. Zum Schluss kamen noch 30 in Frage", blickt Erika zurück. Monatelang schrieben sie die Stiftungen an, erklärten ihre Situation, schickten Gutachten ein, telefonierten. Drei Stiftungen sagten ihnen schließlich Hilfe zu. Von den 16 000 Euro, die das neue Auto mit großem Kofferraum kostete, würden ihnen alle drei zusammen 13 000 Euro bezahlen. „Aber es fehlten noch 3 000 Euro Eigenanteil", erinnert sich Familienvater Horst. Also ging er zur Bank, um ein Darlehen aufzunehmen. „Keine Chance", sagt er knapp. Eine weitere Bedingung für das Geld war die Vorlage eines Sozialberichts. Nachdem die Berichte von anderen Stellen wie etwa der Caritas den Stiftungen nicht genügten, wandten sich Schreiners an den katholischen Pfarrer Werner Konrad. Er schrieb einen Sozialbericht für sie und sagte ihnen – nachdem er sich mit Ernst-Martin Kittelmann abgesprochen hatte – das fehlende Geld zu. Nun konnten sie das neue Auto kaufen und mussten nicht mehr zittern, ob sie es mit dem alten zum Arzt nach Regensburg schaffen würden, den Maria regelmäßig aufsuchen muss. „Wir sind unglaublich froh, dass uns durch die Aktion Tellerrand so geholfen wurde. Wir hatten schon den Mut verloren", sagt Erika.


Als Ernst-Martin Kittelmann die Haustüre der Schreiners hinter sich schließt, murmelt er: „Das Geld ist das Geringste, mit dem man diesen Leuten helfen kann, aber immerhin." Am liebsten würde er der fleißigen Mutter einen Wellness-Urlaub spendieren. Während Horst nach mehreren Herzoperationen berufsunfähig ist, arbeitet sie in Nachtschicht. Tagsüber wird sie von ihren Kindern gefordert. Ein Stück weit ganz normal, wie in jeder Familie, und doch ganz anders.