Angstbewältigung als Lebensaufgabe

Mit dem Radl geht es einfacher: Peter W. besucht gern seine Mutter und Bekannte in der Münchnerau. (Symbolfoto: dpa)

23. Dezember 2014

 

Peter W. ist schizophren – Das Fahrradfahren hilft ihm durch den Alltag
Von Ingmar Schweder


Landshut. Peter W. ist fast nichts im Leben geblieben: Manchmal besucht der Mittfünfziger seine Mutter, mit der er gerne Kaffee trinkt. Etwas seltener besucht er Bekannte, die in der Münchnerau wohnen. Für W. ist das eine lange Strecke. Er selbst wohnt im Stadtteil Peter und Paul. Doch vorher muss der Mann, der vor etwa 30 Jahren an Schizophrenie erkrankte, seine Wohnung verlassen. „Das kostet mich große Überwindungskraft", sagt er. Setzt W. einen Fuß vor die Tür, entsteht sofort ein beklemmendes Gefühl in seiner Brust. Die Schizophrenie lässt bei W. die Vorstellung entstehen, verfolgt, ausspioniert und kontrolliert zu werden. Vor der Haustür ist es ihm dann oft nicht ganz geheuer. „Ich schaffe das nur, wenn ich starke Beruhigungsmittel nehme."


Mittlerweile hat er Unterstützung im betreuten Wohnen gefunden. Mit einer Sozialarbeiterin arbeitet er an seiner Tagesstruktur. Seitdem wagt sich W. wieder häufiger nach draußen. Hat er es vor die Tür geschafft, steigt er auf sein klappriges Fahrrad und radelt los. Einkäufe und Termine erledigt er ebenfalls auf diese Weise, auch wenn das Radlfahren für den 55-Jährigen, der zusätzlich an der Zuckerkrankheit leidet, sehr anstrengend geworden ist. Sitzt er aber auf dem Sattel, dann muss W. wenigstens nicht mit dem Bus fahren. Dort fühlt er sich unwohl und eingeengt. Abkürzungen durch dunkle Parks und enge Brückenpassagen ohne Fluchtmöglichkeiten meidet W. bei seinen Touren. „Viel zu riskant", findet Peter W., der Angst hat, dann nicht in alle Ecken schauen zu können.


Trotz aller psychischen Hindernisse, die W. beim Fahrradfahren überwinden muss, bedeutet das Radeln vor allem eins für ihn: Er kann am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Die psychische Krankheit Schizophrenie, das sagt W. heute, bedeutete für ihn den gesellschaftlichen Ausschluss. „Man verliert alles im Leben", sagt der Mann, der sich in seinen „dunkelsten Zeiten", von Verfolgungsängsten geplagt, in seiner Wohnung einschloss. Mit „alles verlieren" meint Peter W. den Verlust seiner Frau, seiner Freunde, des Lebensgefühls und seiner Arbeit. Heute, nach vielen Klinikaufenthalten, hat W. die Gewissheit: Eine Heilung seiner Krankheit wird es nicht geben. Die Schizophrenie ist ungewollt zu seiner Lebenspartnerin geworden.


Für etwas mehr Lebensqualität nimmt er täglich Medikamente. Auch wenn die starken Mittel, wie er sagt, ihm oft den Antrieb nehmen. „Erst fühlt sich mein Kopf dumpf an. Dann kommt die große Leere." Doch er weiß auch: Nur so bekommt er die Verfolgungsängste und seine Zwänge in den Griff – auch wenn seine psychischen Probleme trotz Medikation nie völlig verschwinden. Die Organisationen, wie W. seine fiktiven Verfolger nennt, bedrohen auch heute noch sein Leben. Davon ist W. überzeugt. Schizophrenes Verhalten verursacht Angst – vor allem vor dem Unbekannten. „Verständnis gibt es für Schizophrene nicht", sagt W. Fiel es ihm früher schwer, über seine Verfolgungsängste zu sprechen, kann er sich heute seiner Sozialarbeiterin anvertrauen. Auch wenn er lange gebraucht hat, Vertrauen zu ihr aufzubauen. „Früher habe ich mich geschämt."


Heute lebt Peter W. zurückgezogen, aber nicht mehr abgeschottet, von einer kleinen Rente. Der Mittfünfziger ist auf einem guten Weg, wieder mehr am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Heimlich träumt er dabei von einer Fahrradtour. Damit er die in Angriff nehmen kann, möchte die Mediengruppe Landshuter Zeitung/Straubinger Tagblatt W. mit ihrer Spendenaktion „Freude durch Helfen" unterstützen und Spenden sammeln. Das Geld soll verwendet werden, um W. ein E-Bike zu kaufen.