Zurück zur Normalität

Renate B. verlor ihren Sohn, ihre Arbeit und ihr Zuhause - Sie lebt inzwischen in einer betreuten WG

 

Von Thomas Simon

Medikamente helfen Renate B. ihre bipolare Störung in den Griff zu bekommen. (Foto: ts)

Landshut. Ein alter Röhrenfernseher, ein kleiner Beistelltisch, eine Schlafcouch und ein weißer, abgenutzter Kleiderschrank – auf knapp 20 Quadratmetern. Das ist Renate B.'s (alle Namen von der Redaktion geändert) Zuhause. Der einzige persönliche Gegenstand ist ein Foto ihres ältesten Sohnes. Der meldet sich zwar regelmäßig. „Aber nur alle sechs Wochen", sagt Renate B. Ansonsten hat die 42-Jährige nur noch Gypsy und Snoopy. Die beiden Kanarienvögel sind ihr Ein und Alles. Eigentlich sind Haustiere nicht erlaubt, aber ihre Betreuerin sieht darüber hinweg.


Renate B. wohnt in einer therapeutischen Wohngemeinschaft. In der Gemeinschaftsküche riecht es nach frisch gebrühtem Kaffee und Zigarettenrauch. Auf dem Tisch liegt eine Schachtel Tabletten. Die Kapseln muss sie mehrmals am Tag nehmen. Renate B. leidet unter einer bipolaren Störung. „Mein Gemütszustand schwankt zwischen Manie und Depression. Ich bin entweder voll drüber oder total deprimiert und lustlos." Das Medikament soll diese beiden Extreme ausgleichen. Das funktioniert aber nicht immer. Zwischenzeitlich war Renate B. sogar in München am Max-Planck-Institut und wurde dort mit Elektroschocks behandelt, weil kein Medikament geholfen hat.


Ein Immobilienkauf stürzte sie ins Unglück

Früher lief es eigentlich recht gut, sagt Renate B. Mit 16 kam sie mit ihrer Jugendliebe zusammen. 1990 folgte die Hochzeit und ein Jahr später kam der gemeinsame Sohn auf die Welt. Alles war in Ordnung. Dann starb ihr Vater bei einem Verkehrsunfall. Ein erster großer Schicksalsschlag im Leben von Renate B. Sie war damals erst 18. Vom Erbe ihres Vaters – fast 300 000 Euro – kauften sie und ihr Mann sich eine Eigentumswohnung. Um ihrem Sohn später etwas bieten zu können, sagt sie. „Dann ging alles bergab." Die Wohnung war baufällig. Sanierungskosten summierten sich. Obwohl Renate B. und ihr Mann beide berufstätig waren, kriselte es finanziell. „Mein Mann fing an zu trinken. Sechs Bier am Tag." Dann begann er sie zu schlagen. 1994 ließ sich Renate B. scheiden.


Die Raten für die Eigentumswohnung konnte sie bald nicht mehr bezahlen. Renate B. meldete Privatinsolvenz an. 1995 lernte sie ihren Freund Max E. kennen, der ihr half neuen Mut zu finden. 20 Jahre war sie mit ihm zusammen, 2006 kam der gemeinsame Sohn auf die Welt. Renate B.'s zweites Kind. Alles schien perfekt. Doch kaum ein Jahr später sollte es wieder bergab gehen. Ihr Sohn fing sich verschiedene Infektionen ein. „Wir suchten ein Krankenhaus nach dem anderen auf, aber kein Arzt konnte uns helfen", erinnert sich Renate B. Der kleine Pascal starb. Sie kommt ins Stocken. Dann erzählt sie weiter: „Ich verfiel in eine tiefe Depression, hatte Schlafstörungen und verließ kaum noch die Wohnung."


Von der Obdachlosigkeit ins Bezirkskankenhaus

Dann verlor Renate B. auch noch ihren Job bei einer Tabakfabrik, für die sie 14 Jahre lang gearbeitet hatte. „Ich habe es wirklich versucht, nach dem Tod meines Sohnes wieder in die Arbeit zu gehen", sagt sie. „Aber ich saß mit zittrigen Händen an der Maschine und war wie versteinert. Alle haben mich angeschaut." Sie versuchte sich das Leben zu nehmen; ihr Freund fand sie gerade noch rechtzeitig. „Das hat ihn überfordert", sagt Renate B. „Er leidet an einer unheilbaren Lungenfibrose. Hatte selbst immer schwer zu kämpfen." 2015 trennte sich Max E. von ihr und warf sie aus der Wohnung. Plötzlich war sie mittellos. Fand sich in der Obdachlosigkeit wieder. Musste in ein Obdachlosenheim. Ihre Mutter wollte sie nicht aufnehmen. „Sie sagte, sie habe keinen Platz für mich." Der Kontakt ist inzwischen abgebrochen.


Nach einem Aufenthalt im Bezirkskrankenhaus fand sie schließlich einen Platz in einer therapeutischen Wohngemeinschaft. „Langsam kriege ich mein Leben wieder auf die Reihe", meint Renate B. Viele Freunde habe sie nicht mehr. „Nur noch ein paar auf Facebook, mit denen ich hin und wieder schreibe." Sie ist sich sicher, dass nicht jeder mit ihrer Krankheit zurecht kommt und viele nicht wissen, wie sie ihr begegnen sollen.


Auf dem Weg zurück in ein normales Leben

In ihrer Wohngemeinschaft fühlt sie sich aber gut aufgehoben. Das Verhältnis zu ihrem Mitbewohner sei hervorragend. „Es wird jetzt langsam auch Zeit, dass ich wieder am sozialen Leben teilnehme. Ich würde gerne auf den Christkindlmarkt gehen", sagt Renate B. Das sei aber auch immer eine Frage des Geldes. Große Sprünge kann sie nicht machen. Sie hat immer noch knapp 2000 Euro Schulden – unbezahlte Handy- und GEZ-Rechnungen. Ihre Erwerbsunfähigkeitsrente beträgt knapp 700 Euro. Nach Abzug von Miete und Schuldentilgung bleiben ihr nur 200 Euro monatlich. Aufgrund des Übergangs von Arbeitslosengeld II auf EU-Rente hat Renate B. für den Monat Oktober überhaupt kein Geld bekommen. In der Haushaltskasse klafft deshalb ein großes Loch.


Die Wohngemeinschaft soll für die 42-Jährige aber nur eine Zwischenstation sein, denn sie hat ein klares Zeil vor Augen. Spätestens in fünf Jahren möchte sie gerne wieder in eine eigene Wohnung ziehen und einer geregelten Arbeit nachgehen. „Ich will nicht für immer von Erwerbsunfähigkeitsrente leben."


Mit der Spendenaktion „Freude durch Helfen" der Mediengruppe Landshuter Zeitung/Straubinger Tagblatt soll Renate B. geholfen werden, entstandene Mietschulden zu begleichen und ein finanzielles Polster für Medikamentenzuzahlungen zu schaffen. Sie bräuchte außerdem dringend neue Winterkleidung und einen Zuschuss für die Grabpflege ihres verstorbenen Sohnes.