Wenn junge Mütter Kämpfernaturen sind

Die kleine Sophia hat von Geburt an ein Loch im Herz. Ihre Mutter Anja (alle Namen geändert) leidet an Epilepsie. Durch die Hilfe des Mutter-Kind-Hauses der katholischen Jugendfürsorge in Regensburg können beide nun in ein eigenständiges Leben starten. (Foto: Elisabeth Lehner)

Im Mutter-Kind-Haus der Jugendfürsorge finden Alleinerziehende Unterstützung

 

Von Elisabeth Lehner


Regensburg. Babyglück – was gibt es Schöneres? Doch was tun, wenn sich ein Kind ungewollt anmeldet? Wenn die Beziehung während der Schwangerschaft zerbricht, es sogar zu Gewalt kommt und auch die eigene Familie die Betroffene nicht unterstützt? Im „Haus Mutter und Kind" der katholischen Jugendfürsorge (KJF) der Diözese Regensburg e. V. finden alleinerziehende Mütter Unterstützung.


„Eigentlich wäre es längst Zeit für den Mittagsschlaf", erklärt Anja (Name geändert) lachend zur Begrüßung. Aber noch sitzt die kleine Sophia zufrieden glucksend auf der bunten Babydecke zwischen Milchfläschchen, Stofftier und Beißring. „Heute ist Waschtag", meint die junge Mama entschuldigend mit Blick auf den Wäscheberg im Bad. Ansonsten ist es blitzeblank in der Wohnung. Nicht nur die grün-weiß-gestreifte Decke liegt ordentlich gemacht auf dem Bett, auch die Milchfläschchen stehen in Reih und Glied in der Küche.

Kleine Sophia kam mit einem Herzfehler zur Welt
Knapp ein Jahr wohnt die 30-Jährige mit der schlanken Figur und den brünetten langen Haaren mit ihrer kleinen Tochter in der kleinen 1,5-Zimmer-Wohnung im Regensburger Osten. „Kurz nach der Geburt sind wir hierher gezogen", so die gebürtige Regensburgerin. Dass das erste Jahr von vielen Schwierigkeiten geprägt war, beweisen die Neugeborenen-Fotos an der Wand: „Sophia kam mit einem Herzfehler auf die Welt und war deshalb sehr schwach." Doch weder der Kindsvater, zu dem sich die Beziehung im Laufe der Schwangerschaft immer mehr verschlechterte und schließlich zerbrach, noch Anjas Eltern, zu denen kein Kontakt besteht, stärkten der 30-Jährigen in dieser schwierigen Zeit den Rücken. Und das, obwohl die junge Mutter selbst an Epilepsie leidet. Umso dankbarer war sie auch, im Mutter-Kind-Haus der KJF vorübergehend ein neues Zuhause zu finden.


„Die meisten Frauen bleiben etwa eineinhalb Jahre bei uns", erklärt die Leiterin der Einrichtung, Cornelia Braun-Vilsmeier. Ziel in dieser Zeit ist es, die alleinerziehenden Mütter, die sich alle trotz widriger Umstände für ihr Kind entscheiden, in dieser neuen Lebensphase zu unterstützen und sie später in ein eigenständiges Leben zu entlassen.


Füttern, Wickeln und Baden will gelernt sein
Da gilt es nicht nur, den klassischen Umgang mit Säuglingen wie das Baden, Füttern und Wickeln zu lernen, „sondern wir wollen die Frauen auch beim Aufbau einer eigenen Tagesstruktur, eines sozialen Umfelds und einer beruflichen Zukunft unterstützen". Schon allein die Bürokratie ist dabei Herausforderung genug. Daneben liegt der Arbeitsschwerpunkt der Sozialpädagoginnen und Erzieherinnen im Mutter-Kind-Haus auf der Entwicklung des Babys. Besonders wichtig ist den Verantwortlichen dabei, dass Mutter und Kind eine gute Bindung zu einander aufbauen. „Wenn möglich, wird natürlich auch der Kindsvater und die Herkunftsfamilie der Mutter mit einbezogen", so Sozialpädagogin Braun-Vilsmeier. Besuch ist in der Heiliggeistgasse im Regensburger Osten durchaus willkommen – im Unterschied zum Frauenhaus. „Doch leider haben viele Frauen vor ihrem Aufenthalt bei uns Erfahrung mit Gewalt gemacht, was den Kontakt schwierig macht", so Braun-Vilsmeier.


Einrichtung nimmt Frauen ab 16 Jahren auf
„Das Durchschnittsalter unserer Klientinnen liegt bei 20", so die Leiterin der Einrichtung. „Wir nehmen aber bereits schwangere Frauen und alleinerziehende Mütter ab 16 Jahren auf", fährt Braun-Vilsmeier fort. Drogen- und Alkoholprobleme sowie schwere psychische Krankheiten sind Ausschlusskriterien. Insgesamt zehn Wohnungen mit eigenem Bad und teilweise eigener Küche stehen den jungen Müttern zur Verfügung. „Viel zu wenig", weiß die Sozialpädagogin. Denn die jährlichen Anfragen liegen bei über hundert. Deshalb plant die KJF sechs weitere Wohnungen im gegenüberliegenden Haus im Prinzenweg 4 zu schaffen. Weshalb Spenden für die Ausstattung der Wohnungen hochwillkommen sind, so Braun-Vilsmeier.


Aus dem anfänglich so zufriedenen Glucksen der kleinen Sophia ist mittlerweile ein leichtes Quengeln geworden. „Jetzt ist höchste Zeit für den Mittagsschlaf", erklärt Mama Anja, als sie die knapp Einjährige von der bunten Babydecke hochhebt. Mittlerweile sind die beiden ein richtig eingespieltes Team. Für den nächsten Schritt in ein eigenständiges Leben fehlt jetzt nur noch eine eigene kleine Wohnung – doch das ist nahezu unmöglich in Regensburg, weiß die 30-Jährige seufzend. Sie steht schon lange auf den entsprechenden Listen, aber trotz höchster Dringlichkeitsstufe tut sich nichts. „Und dazu blockiere ich anderen alleinerziehenden Müttern den Platz hier in der Einrichtung", bedauert sie. Doch Anja gibt nicht auf – sie ist schließlich eine Kämpfernatur. Und wer weiß – manchmal erfüllen sich gerade zu Weihnachten auf wundersame Weise große Wünsche.


Info
Das Mutter-Kind-Haus der KJF des Bistums Regensburg bietet jungen, alleinerziehenden Müttern in Notlagen zeitweise ein Zuhause. Da jährlich über hundert Anfragen auf zehn Plätze kommen, plant die KJF derzeit, zusätzliche Wohnungen bereitzustellen. Mit einer Spende an „Freude durch Helfen" werden die dringend benötigten Wohnungen ausgestattet.