MS, die Krankheit mit den tausend Gesichtern

Carmen Oberberger aus Teisnach ist seit 16 Jahren krank, lässt sich aber nicht unterkriegen

 

Von Johannes Bäumel


Viechtach. Seit 16 Jahren schon ist Carmen Oberberger aus Teisnach an MS erkrankt und dadurch erheblich ingeschränkt, doch sie kämpft sich so gut es geht tapfer durch den Alltag.


MS, das steht für Multiple Sklerose, eine Erkrankung des zentralen Nervensystems. Das Tückische: Durch Entzündungen in Gehirn und Rückenmark werden Teile der Nervenfasern zerstört und Abwehrzellen, die eigentlich vor fremden Erregern schützen sollten, greifen körpereigenes Gewebe an. „Die Krankheit der tausend Gesichter sagt man auch dazu", erklärt Edeltraud Kirchner, die Vorsitzende der MS-Stiftung Patersdorf. „Das kommt daher", fügt sie hinzu, „dass sich die Krankheit bei allen Betroffenen anders äußert." Mal sind es Lähmungen der Muskulatur, mal Empfindungsstörungen, und anderen wiederum bereiten Sehstörungen zunehmende Probleme.


Eine Krankheit, die jeden Tag anders ist
„Das Schlimme ist auch, dass es jeden Tag anders ist", weiß Kirchner, deren Mutter Edeltraud Apfl die Stiftung 1988 gegründet hat und in deren Fußstapfen sie getreten ist. Zusammen mit einer Handvoll weiterer Ehrenamtlicher, darunter auch die Patersdorfer MS-Stützpunktleiterin Anna Warming, setzt sie sich für Patienten mit Multipler Sklerose ein und versucht, ihnen das Leben trotz deren Einschränkungen so angenehm wie möglich zu machen.


Rund 40 MS-Kranke im Landkreis Regen betreut die MS-Stiftung Patersdorf derzeit. Sie werden mit einem im vergangenen Jahr neu angeschafften Behindertenbus, der auch einen Aufzug enthält und Platz für vier Rollstuhlfahrer bietet, zu den Gruppentreffen in Patersdorf befördert. In den Räumlichkeiten im Pfarrheim finden alle 14 Tage solche Treffen statt. Einmal im Monat kommen die MS-Kranken verschiedenen Alters auch im Offizierscasino der Bayerwaldkaserne in Regen zusammen. „Um die 20 Leute sind wir da immer", erzählt Edeltraud Kirchner. Jeder könne nicht immer dabei sein, „das hängt von der Tagesform ab". Und Carmen Oberberger als Betroffene erklärt, wie Kirchner das meint: „Man hat gute und schlechte Tage. Manchmal ist am Abend noch alles gut und man freut sich auf den nächsten Tag, und in der Früh geht es einem richtig schlecht." Das weiß die 45-Jährige aus Erfahrung. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen von ihrer Krankheit, versucht sogar, trotzdem zu arbeiten und hat beim Elektronikkonzern Rohde & Schwarz in Teisnach einen speziellen Arbeitsplatz eingerichtet bekommen, um dort noch auf 450 Euro-Basis ihren Job ausführen zu können. „Das tut mir gut, wenn ich raus komme, und ich bin froh, dass das Unternehmen so sozial eingestellt ist", sagt die Teisnacherin. Sie ist in der 3 000 Einwohner großen Marktgemeinde schon recht bekannt, wenn sie mit ihrem kleinen Elektrogefährt zum Einkaufen unterwegs ist. Das Gerät bietet ihr die Möglichkeit, nach wie vor mobil zu sein – ob beim Einkaufen oder auf dem Weg zum Arbeitsplatz. Es gibt ihr eine gewisse Freiheit – trotz Einschränkung. Und genau das ist wichtig.


Deshalb ist die MS-Stiftung Patersdorf auch auf Spenden angewiesen: „Wir bezuschussen Anschaffungen von Gerätschaften, die den MS-Kranken das Leben leichter machen und zum Lichtblick werden", so Kirchner. Oft zahlen Krankenkassen dafür nur geringe Beiträge, wie sie erzählt, manchmal auch gar nichts.


Mit finanziellen Mitteln der MS-Stiftung werden auch Ausflüge finanziert. Ob Arber, Straubinger Tierpark oder Lachyoga – viele Unternehmungen sind wichtig für die Erkrankten, um mal auf andere Gedanken zu kommen. „Das tut richtig gut", schwärmt Carmen Oberberger. „Freilich tauscht man sich auch über die Krankheit und die Leiden und die eigenen Erfahrungen damit aus", erklärt sie, „aber die meiste Zeit steht einfach der Spaß im Vordergrund." Das sind dann die wenigen geschenkten Stunden, in denen die Betroffenen mal durchatmen, sich ablenken und ihre Schmerzen kurzzeitig vergessen können. Ansonsten ist es die Unterstützung durch Freunde und Verwandte, die den Erkrankten Mut gibt. Bei Carmen Oberberger ist es der Mann – ihr Sohn hält sich derzeit im Ausland auf – bei vielen anderen sind es Bekannte, die Fahrdienste übernehmen oder einfach zum Reden da sind. „Manche haben aber niemanden", so Kirchner, „die besuchen wir dann und stehen ihnen zur Seite."


MS tritt auch in Schüben auf
Multiple Sklerose tritt in verschiedenen Formen auf. Es gibt die chronische Variante, wie Carmen Oberberger sie hat, aber auch das schubförmige Krankheitsbild, das eine besonders schwere Belastung darstellt. Vor allem dann, wenn aus heiterem Himmel Krankheitsschübe auftreten. „Einen Fall hatten wir im Landkreis, da musste ein Mann seine Frau für längere Zeit wickeln, so gravierende Folgen hatten die Schübe", erzählt die Stiftungsvorsitzende.


Sie bedauert sehr, dass es für die Krankheit MS noch immer keine Heilung, sondern nur eine Möglichkeit der Linderung gibt. Linderung nicht nur durch Medikamente. Auch durch Gerätschaften, die den Kranken das Leben so gut es geht erleichtern und durch Veranstaltungen, Ausflüge, Besuche und Programme, die den MS-Patienten zumindest von Zeit zu Zeit ein richtiges Lächeln auf die Lippen zaubern.

Seit 16 Jahren leidet Carmen Oberberger (Mitte) aus Teisnach an Multipler Sklerose. Unterstützung erhält sie von Edeltraud Kirchner (l.) und Anna Warming (r.) von der MS-Stiftung Patersdorf. (Foto: Johannes Bäumel)