Mit Heavy Metal in eine leichtere Welt

Mit Heavy Metal in eine leichtere Welt

Stolz zeigt Alexander seinen VIP-Pass vom Labertalfestival 2016 und ein T-Shirt, das er damals geschenkt bekommen hat. Vroni Holzmann, Mitarbeiterin im Antoniusheim, begleitete ihn zu den Konzerten. (Foto: Sophie Schattenkirchner)

Viele Menschen haben sich für Alexander eingesetzt – Doch ein paar Wünsche sind noch offen

 

Von Sophie Schattenkirchner

 

Kurz vor Münchshöfen steht das Antoniusheim. Das gelb angestrichene Gebäude mit den vielen Fenstern und Türen ist umgeben von weiten Feldern und Bäumen. Ein ruhiger, idyllischer Ort. Wenn man näher hingeht, hört man Musik, denn eines der Fenster ist gekippt. Zuerst Schlagzeug. Dann einen Tusch. Eine E-Gitarre quietscht und Bruce Dickinson singt die erste Zeile von „Run to the hills". Alexander hat seine Stereoanlage eingeschaltet und summt zum Welthit von „Iron Maiden" mit. Der 38-Jährige hat seine Augen geschlossen und lächelt, wippt langsam mit dem Kopf.


Seit 2009 lebt Alexander im Antoniusheim. In der Zeit, in der andere Jugendliche auf Festivals fahren und weggehen, diagnostizierten Ärzte bei ihm Friedreich-Ataxie. Eine genetisch-bedingte Erkrankung des zentralen Nervensystems. Heute sitzt Alexander im Rollstuhl, kann sich nur schwer verständigen. Die Krankheit wird weiter fortschreiten, seinen Gesundheitszustand noch mehr verschlechtern.

 

Nur eines hat gefehlt: „Mehr Punk"
Für die Weihnachtsaktion von „Freude durch Helfen" im vergangenen Jahr haben wir Alexander schon einmal vorgestellt. Seine Wünsche damals: eine Stereoanlage, ein paar DVDs oder CDs. Sein größter Wunsch aber war, einmal eine Diskothek oder ein Konzert zu besuchen.

 

Daraufhin brachte jemand eine Stereoanlage und Alexander bekam Horrorfilme geschenkt, die er so gerne ansieht. Außerdem einige CDs – Metal und Punk. Das alles ermöglichten ihm Menschen, die an „Freude durch Helfen" gespendet haben und Menschen, die sich entschlossen haben, noch mehr zu tun: 

Fast wöchentlich besucht ihn seitdem eine ältere Frau, deren Ehemann an derselben Krankheit litt.

 

Mit Vroni Holzmann, Mitarbeiterin im Antoniusheim, war Alexander auf dem Labertalfestival – dafür hat er Freikarten bekommen.

 

Den schwarzen VIP-Ausweis für das Festival, auf dem ein Totenkopf klafft, hält Alexander fest in den Händen. Vorsichtig streift ihm Vroni Holzmann darüber, ganz langsam öffnet Alexander die Hände. „Schau, Alex, die haben wir alle angehört", sagt sie und zeigt auf die Liste mit den Bandnamen auf der Rückseite des Ausweises – „Virus 41", „Sektor". Vroni Holzmann war mit Alexander schon auf der Metal Invasion in Straubing. Deshalb dachten die Mitarbeiter des Antoniusheims gleich an sie, als das Labertalfestival anstand.

 

Gemeinsam fuhren Vroni Holzmann, ihr Freund und Alexander zum Festival. Als die drei dort ankamen, halfen ihnen sofort Mitarbeiter und Besucher. Musiker schenkten Alexander ihre CDs, T-Shirts und Poster. Er bekam Getränke und eine Würstlsemmel umsonst. „Jeder hat geholfen, das war beeindruckend", erzählt Vroni Holzmann und lächelt.

 

Vor allem aber lernte Alexander viele Menschen kennen, zum Beispiel eine Altenpflegerin, die sich lange mit ihm unterhielt. Seit dem Labertalfestival kleben zwei Sticker an der Plastik-Schutzhülle seines Rollstuhls. „Von Gruftis", sagt Alexander und lächelt. Nur eines hat ihm ein bisschen gefehlt: „Mehr Punk." Als ihn Vroni Holzmann fragt, was er den vielen Spendern an „Freude durch Helfen" sagen möchte, flüstert er „Danke" und versucht, das Wort so klar er nur kann auszusprechen.

 

Wie viel ihm die Musik bedeutet, merkt man, wenn man sein Zimmer ansieht: Neben der Stereoanlage, die meistens aufgedreht ist, stapeln sich CDs von „Rammstein", „Good Charlotte" und „Metallica". Die Cover der „Iron Maiden"-Alben und von „Black Sabbath" sind als Poster aufgehängt – neben Heiligenbildern und einem Holzkreuz.

 

Alexander wünscht sich vor allem, dass sich jemand Zeit für ihn nimmt. Denn obwohl er noch Geschwister hat, bekommt er nur wenig Besuch von seiner Familie.

 

Schnulzenfilme? „Bloß ned"
Gerne würde Alexander reisen. Wenn man ihn fragt, wohin, sagt er: „Amerika" – und seine Augen glänzen. „Er würd' sich einfach sehr über einen Ausflug freuen", sagt Vroni Holzmann. Eine weitere Ablenkung wäre für ihn eine Playstation. Denn seine Finger kann Alexander noch bewegen. „Und Kriegsfilme oder Filme mit Kämpfen", erzählt er, „das mag ich". Vroni Holzmann grinst und fragt: „Ach geh', ich dachte, du magst Schnulzenfilme?" Alexander antwortet: „Bloß ned." Er lacht laut.

 

Vroni Holzmann nimmt seine Hand: „Bist halt ein Punk, gell? Wie die ‚Toten Hosen'." Da schließt Alexander seine Augen und murmelt: „Heyyy ..." Er lächelt und summt. Dreht seinen Kopf hin und her. Er wirkt glücklich in seiner eigenen Welt. Die Gedanken an seine schwere Krankheit weit weg. Vroni Holzmann sagt: „Das ist einfach sein Lied: ‚Hier kommt Alex' von den ‚Toten Hosen'."