Mit dem Pferd das Gehen neu lernen

Für Gerhard Czerwionka bedeutet Reiten Schritte zurück ins Leben. Foto: Kellerer

MS-Kranke profitieren von Hippotherapie, aber vielen fehlt das Geld für dafür

 

Von Ellen Kellerer

 


Mainburg/Kelheim. Man nennt sie die „Krankheit mit den vielen Gesichtern" - die Multiple Sklerose (MS) ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das eigene Immunsystem die Schutzschichten der Nervenbahnen schädigt. Die Symptome sind unterschiedlich, sie reichen von Sehstörungen bis Muskelschwäche und Lähmungen, Spastiken und Gefühlsstörungen. Viele MS-Erkrankte profitieren von einer Hippotherapie, einer Krankengymnastik auf dem Pferd, die leider nicht von den Krankenkassen bezahlt wird. Die HZ-Aktion „Freude durch Helfen" soll Erkrankten ohne eigene finanzielle Reserven so eine Therapie ermöglichen.


 

Auf dem Lipphof in Landersdorf ist das möglich. Inhaberin Elisabeth Bergmann ist Physiotherapeutin. Ihr Hof ist eine geprüfte und anerkannte Einrichtung des Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR). Er ist zudem der einzige Betrieb für therapeutisches Reiten in Niederbayern mit Außen- und Innenanlagen, die ein barrierefreies Aufsitzen auf das Pferd gewährleisten. Das ist wichtig für zwei MS-Patienten, die die Methode für sich als hervorragende Hilfe, auf eigenen Beinen mobil zu bleiben, entdeckt haben: Madlen Lehmann und Gerhard Czerwionka.


 

Madlen Lehmann ist 33 Jahre alt. Die gelernte Hotelfachfrau musste nach der Diagnose „Multiple Sklerose" vor zehn Jahren zunächst auf Reiseverkehrskauffrau umschulen. Doch auch diesen Beruf kann die junge Frau nicht mehr ausüben, jetzt ist sie frühverrentet. Einen Rollator braucht Madlen Lehmann als Gehhilfe, wenn man sie allerdings auf Therapiepferd Nirko sitzen sieht, will man fast nicht glauben, dass jeder eigene Schritt für sie schwer ist.
Sehr früh hat bei Madlen Lehmann die Krankheit begonnen: „Da war ich 14 Jahre alt, hatte ein Kribbeln im Oberschenkel und dachte noch, es käme vielleicht von den Buffalos, solchen Schuhen, die ich damals getragen habe", erzählt sie. Nach diesem ersten „Schub" war alles wieder weg und zunächst vergessen, niemand dachte damals schon an MS, bevor Madlen Lehmann mit 18 Jahren Sehstörungen und dazwischen immer mal wieder Gehprobleme bekam, die aber auch wieder vergingen. Als sie vor zehn Jahren wieder Taubheitsgefühle und „Ameisenlaufen" in den Beinen bekam, schickte sie ihr Hausarzt zum Neurologen. Die Diagnose wurde mittels der Entnahme von Liquor - das ist Hirnwasser - und einem MRT gestellt.

 


Madlen Lehmann wurde umgehend in die Marianne-Strauß-Klinik am Starnberger See geschickt, eine Fachklinik für MS-Kranke, die auch Gerhard Czerwionka kennt. Der 49-Jährige bekam 1994 die Diagnose „MS", bei ihm begann es mit einer Sehstörung. Vier Jahre später kam wieder ein Krankheitsschub, hier bekam er die Diagnose. Der Verlauf der Erkrankung schritt bei ihm soweit voran, dass er bereits zwei Jahre im Rollstuhl saß - das war im Jahr 2006 und 2007. Doch Gerhard Czerwionka ist ein Kämpfer. Der ambitionierte Sportler und Präsident des Golfclubs Landshut sowie Spielleiter des Behinderten-Golfclubs Deutschlands hat über die MS-Gruppe Abensberg, die sich über die Möglichkeiten der Hippotherapie bei Elisabeth Bergmann in Landersdorf informiert hat, das Reiten als optimale Therapieform für sich entdeckt: Heute geht Gerhard Czerwionka zwar an einer Art Wanderstecken - aber er geht. Nur für lange Strecken braucht er den Rollstuhl.

 


Gerhard Czerwionka erklärt die Schwierigkeit für MS-Kranke beim Gehen so: „Wir MSler gehen ja meist falsch, oft vornübergebeugt und eine Fußhebeschwäche ist nur eine von vielen Symptomen. Das ergibt im Laufe der Zeit einen immer unnatürlicheren Gang - die größte Herausforderung ist ein Kopfsteinpflaster, weil die Gefahr besteht, hier hängenzubleiben und zu stolpern.


 

Wenn man als Reiter auf einem Pferd sitzt, so ist im Schritt der Gang von Pferd und Mensch identisch - auf dem Pferd wird das Gangbild, wie es eigentlich sein sollte, imitiert - der Patient wird in der Hüfte lockerer, der sich bewegende Pferderücken hat eine Massagewirkung". Alles Aspekte, die MS-Patienten helfen können, besser auf eigenen Beinen mobil zu bleiben.


 

Mit einer Spende aus der Aktion „Freude durch Helfen" wollen Madlen Lehmann, die Gruppenleiterin der „Jungen MSler Regensburg" bei der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Landesverband Bayern, ist, und auch Gerhard Czerwionka für die MS-Gruppe Abensberg anderen MS-Erkrankten Hippotherapiestunden ermöglichen. Sie wissen um die oftmals auch finanziellen Schwierigkeiten, die die Multiple Sklerose für Erkrankte mit sich bringt, und wollen ihnen damit im wahrsten Sinne des Wortes Schritte zurück ins Leben schenken.