„Komm’ Mama, wir holen unsere Koffer und gehen“

Johanna B. wurde von ihrem Mann jahrelang geschlagen – Jetzt baut sie sich ein neues Leben auf

 

Von Christina Werner


Landshut. Sie wurde geschlagen, von ihren Freunden isoliert und psychisch erniedrigt: Wenn Johanna B. aus ihrem Leben erzählt, fühlt man sich, als würde einem Regisseur Alfred Hitchcock einen Einblick in die Geschichte seines nächsten Psychostreifens geben. Aber nicht Hitchcock erzählt eine fiktive Geschichte in der Landshuter Interventionsstelle, die von Gewalt und Erniedrigungen geprägt ist. Es ist die 35-jährige Johanna B., die aus ihrem echten Leben erzählt.


Begonnen hat alles am Valentinstag 2007, als die ehemalige Stewardess ihre Haustür öffnete und einen alten Bekannten in ihre Wohnung ließ. „Markus hat mir damals erzählt, dass er aus seiner Wohnung geflogen ist und jetzt auf der Straße steht." Weil die Stewardess sowieso kaum zu Hause war, bot sie Markus B. an, dass er übergangsweise in ihrer Wohnung bleiben konnte. „Immer wenn ich da war, war er der absolute Traummann. Er war ein echter Gentleman, kümmerte sich um die Wohnung und wir verstanden uns so gut, weil wir auch die gleichen Interessen hatten – dachte ich damals zumindest."


Johanna B. verliebte sich und wurde sehr schnell schwanger. Zwar war das Kind nicht geplant, aber schon lange hatte sich die damals 25-Jährige eine eigene kleine Familie gewünscht. Der Grund dafür liegt in ihrer eigenen Vergangenheit. Ihr Eltern hatten sich vor Jahren scheiden lassen. Die Mutter zog daraufhin nach Rom, der Vater lebte in Dubai und der Kontakt war alles andere als intensiv. „Ich dachte wirklich, dass jetzt mein größter Wunsch einer eigenen Familie mit einem wunderbaren Mann an meiner Seite in Erfüllung geht."


Markus B. aber wurde nicht zum liebevollen, sorgenden, werdenden Vater, der seine Frau unterstützte. Im Gegenteil: „Als ich schwanger war, war es mit der Freundlichkeit vorbei." Johanna B. wusste gerade mal drei Wochen von ihrer Schwangerschaft, als sich herausstellte, dass Markus B. gar keine Arbeit hatte und er sie regelmäßig mit anderen Frauen betrog. „Ich war zu Hause und sah auf dem Laptop eine Nachricht einer anderen Frau. Da flippte Markus zum ersten Mal aus." Er schmiss den Laptop aus dem zweiten Stock, schupste Johanna B., sperrte die Haustür zu, riss die Gegensprechanlage aus der Wand und schlug die komplette Wohnung kurz und klein. „Für mich brach meine Welt zusammen", sagt die heute 35-Jährige. „Auf einmal gab es den perfekten Mann nicht mehr, in den ich mich verliebt hatte und von dem ich ein Baby bekam."


Absolute Isolation in Wasserburg


Nach der Eskalation zog Johanna B. für zwei Monate zu ihrer besten Freundin. „Markus schrieb mir dann, dass ich die Liebe seines Lebens bin und wir doch eine kleine Familie sind." Er bat sie, zurückzukommen und versprach ihr, sich zu ändern. Der Wunsch nach einer eigenen glücklichen Familie war so stark, dass Johanna B. zurückging. Er wollte für seine Frau und das Baby sorgen und hatte sogar Arbeit gefunden. Weil er aber nicht sehr viel verdiente, schlug er Johanna B. vor, nach Wasserburg zu ziehen, weil dort die Mieten günstiger waren als in München. „Ich wollte damals nicht weg, aber ihm gleichzeitig auch eine zweite Chance geben." Was Johanna B. nicht wusste: Markus B.s Ziel war schlicht und einfach seine Frau von ihren Freunden zu isolieren. Denn auf dem Dorf bekam keiner mehr etwas von seinen Handgreiflichkeiten mit. „Ich war da völlig allein. Ohne Auto. Ohne Mann." Denn Markus B. blieb in München. Es würde viel zu viel kosten, wenn er immer mit dem Zug zu seiner Frau fahren würde, erklärte er ihr. Nicht selten eskalierte die Situation, wenn er zu Besuch kam.


Als Johanna B. allein nach einem Blasensprung ihre Tochter zur Welt gebracht hatte, suchte ihr Vater für sie wieder eine Wohnung in München. „Markus zog auch mit ein, weil er sich ja um seine kleine Familie kümmern wollte. Die Situation zwischen uns wurde aber immer schlimmer, weil ab diesem Zeitpunkt immer mehr Lügengeschichten ans Tageslicht kamen." Es kam raus, dass Markus B. im Gefängnis war, schon ein Kind mit einer anderen Frau und viele Schulden hatte und Johanna B. immer wieder mit andere Frauen betrog. Von Reue fehlte aber jede Spur. Immer wenn ein neues unangenehmes Detail ans Tageslicht kam, fühlte sich Markus B. so ertappt, dass er seine Frau grün und blau schlug. Nicht selten flogen die Gegenstände durch die Wohnung oder Zimmertüren wurden eingeschlagen. Und einen Tag später schenkte Markus B. seiner Frau jedes Mal unzählige weiße Blumen. „Ich weiß nicht, wie blöd ich damals war, aber man redet sich ein, dass alles nicht so schlimm ist", sagt Johanna B. „Und es gab wirklich Phasen in denen er liebevoll und ein wunderbarer Papa war."


Freunde und Verwandte sehen den perfekten Mann


Die 35-Jährige befand sich in einem klassischen Gewaltkreislauf und dachte teilweise, dass sie selbst schuld war, dass ihr Mann immer wieder ausrastete. Das große Problem: Freunde und Verwandte bestärkten sie darin, indem sie ihr immer wieder sagten, dass sie wirklich einen perfekten Mann hat. Als solcher präsentierte er sich nämlich in der Öffentlichkeit. Im Laufe der Zeit hatte ihr Mann sie vollkommen in der Hand. Selbst als immer wieder Geld in Johanna B.s Geldbeutel fehlte, schaffte Markus B. es, sie so zu manipulieren, dass sie selbst dachte, dass sie das Geld irgendwo ausgegeben hat. „Es gab aber noch andere Psychospielchen", sagt Johanna B. „Ich bekam in der Arbeit an manchen Tagen unzählige Stressnachrichten von Markus. Darin hieß es dann, wenn ich nicht funktioniere, so wie er das will, wird er irgendwann mit der Tochter weg sein." Neben der psychischen Manipulation war auch körperliche Gewalt immer wieder ein Thema in der Beziehung. Einer der Höhepunkte: Johanna B. erwischte kurz nach der Taufe der Tochter ihren Mann, als er sich Geld aus dem Sparschwein der Tochter nahm. „In dem Schwein waren eigentlich 900 Euro, aber als ich es in der Hand hatte, waren gerade mal noch 50 Euro drin." Sie stellte ihren Mann zur Rede und sagte: „Du kannst doch nicht ernsthaft dein eigenes Kind beklauen." Als Antwort schlug ihr Markus B. mit der Faust ins Gesicht. „Ich habe versucht wegzukommen, aber er hat sich so ertappt gefühlt, dass er, auch als ich schon auf dem Boden lag, immer wieder auf mich einschlug." Erst als sich die zweijährige Tochter über die Mutter warf, ließ Markus B. von seiner Frau ab. Sie flüchtete mit ihrem Kind in die Küche, sperrte sich ein und blieb dort weinend über mehrere Stunden vor der Küchentür sitzen. Mehrere Tage meldete sich Markus B. nicht mehr. War das das Ende der Familie? Diese Frage stellte sich Johanna B. Sie sprach daraufhin mit Markus' Mutter, die sagte, dass Johanna B. das Problem auf keinen Fall nach Außen tragen dürfe. Dass ihr Sohn Gewaltausbrüche hat, sei eine Familienangelegenheit. „Sie sagte auch noch zu mir, dass ich mich als Ehefrau einfach mehr anstrengen muss." Und wieder wurde der 35-Jährigen eingeimpft, dass sie schuld ist, dass ihr Mann immer wieder ausflippt. Weil sich der Gedanke „Du zerstörst deine Familie, wenn du deinen Mann wirklich verlässt" so in den Kopf von Johanna B. einbrannte, entschuldigte sie sich bei ihrem Mann und er kam wieder zurück zu ihr.


Irgendwann bekamen dann aber sogar Freunde mit, dass etwas nicht stimmte. Sie fanden heraus, dass Markus B. seine Frau immer wieder betrogen hatte. Markus B. hatte seine Frau zu dem Zeitpunkt psychisch jedoch schon so unter Druck gesetzt, dass Johanna B. niemanden mehr an sich heran ließ. „Sie sagten mir damals, dass ich ihn verlassen muss, aber ich habe gar nichts mehr wahrgenommen. Ich habe sogar zu einer Freundin gesagt, dass sie nur neidisch ist, weil sie auch so eine tolle Familie wie ich haben möchte." Das Ehepaar zog daraufhin in einen Vorort von München und Johanna B. wurde wieder schwanger.


„Wir werden hier von Null starten"


Selbst einen Hauch von „Friede, Freude, Eierkuchen" gab es aber auch in dem Vorort nicht. Auch während der zweiten Schwangerschaft flippte Markus B. immer wieder aus. Er sperrte seine Frau sogar einmal im kurzen Schlafanzug bei Minusgraden auf den Balkon und schlug sie so stark, dass zwei Rippen brachen. Nach unzähligen Trennungen, Versöhnungen und Entschuldigungen war aber irgendwann der Punkt erreicht, an dem Johanna B. nicht mehr konnte. Sie hatte damals beim Abendessen ihren Mann gefragt, ob es ihm schmeckt. Er schmiss daraufhin den Teller auf den Boden und sagte: „Knie dich hin und friss deinen Scheiß selber." Johanna B. versuchte, ihren Mann zu beruhigen, aber ihre achtjährige Tochter ging zu ihr und sagte: „Komm' Mama, wir holen jetzt unsere Koffer und gehen."


Nach zehn Jahren voller Gewalt ist Johanna B. jetzt nach Landshut gezogen. „Wir werden hier von Null starten." Eines sei Johanna B. aber jetzt schon bewusst geworden: Eine glückliche Familie muss nicht immer dem Klischee Vater, Mutter, Kinder entsprechen. „Ich liebe meine Töchter und wir sind zusammen eine kleine tolle Familie."


Info

Johanna B. hat ihre Geschichte erzählt, um anderen Frauen, die auch von häuslicher Gewalt betroffen sind, zu ermutigen, aus der Gewaltkreislauf auszusteigen. Zum Schutz der Familie wurden alle Namen von der Redaktion geändert.