„Ein Segway-Rollstuhl ist mein größter Wunsch“

Bianka Schneider-Trosien leidet an Multipler Sklerose – Selten verlässt sie die eigenen vier Wände

Der Bewegungsradius der 49-jährigen ist stark eingeschränkt.

Von Lisa-Maria Rackl

 

Lederdorn. Immer wieder fällt ihr das Reden schwer und dicke Tränen kullern über ihre Wangen. Bianka Schneider-Trosien holt tief Luft, trocknet sich mit dem Handrücken das Gesicht und versucht ihre Stimme wieder zu finden. Über die Ereignisse der vergangenen Jahre zu sprechen, kostet die 49-Jährige viel Kraft. Zwei Todesfälle in der Familie und die Diagnose Multiple Sklerose haben das Leben der zweifachen Mutter aus Lederdorn völlig auf den Kopf gestellt.


Schneider-Trosien sitzt am Tisch und blickt aus dem Fenster ihrer kleinen Küche. Draußen scheint die Sonne und die Wiese ihres großen Gartens ist mit Frost überzogen. „Gerne würde ich mit meinen Hunden Gassi gehen oder Nachbarn besuchen", erzählt sie. Doch was für viele Menschen zum Alltag gehört, ist für Schneider-Trosien mit viel Kraftaufwand verbunden. Seit 2014 ist sie an ihren Rollstuhl gefesselt – nur noch selten verlässt sie die eigenen vier Wände.
„Ich kann mit meiner Zeit nicht viel anfangen"

 

2008 fing Schneider-Trosiens Leidensweg an. Schon damals hatte sie Probleme beim Gehen festgestellt. Als ein Jahr später ihr Sohn Stefan mit 18 Jahren bei einem Arbeitsunfall in Eschlkam ums Leben kommt, geht es gesundheitlich bergab. „Plötzlich konnte ich nur noch langsam gehen, an rennen war nicht mehr zu denken", schildert sie einen der wohl schlimmsten Momente ihres Lebens.


2010 folgt eine Untersuchung ihres Nervenwassers, die Diagnose der Ärzte lautete Multiple Sklerose. Nach einer mehrtägigen Cortisonbehandlung scheint alles wieder gut zu sein – bis Schneider-Trosien ein weiterer Schicksalsschlag trifft. Im März 2014 stirbt ein weiteres Familienmitglied, „seit dem Tod meiner Schwester kann ich nun endgültig nicht mehr laufen", sagt sie.


Stress oder grippale Infekte mit Fieber verschlimmern ihre Krankheitssymptome, oft fühlt sich die 49-Jährige wie gelähmt. Schmerzen hält sie tapfer aus – und das 24 Stunden täglich. „Ich bin in meinem Tun so eingeschränkt, dass ich mit meiner Zeit nicht viel anfangen kann", meint sie nachdenklich.

Bianka Schneider-Trosien sitzt seit 2014 im Rollstuhl.

Die Familie ist ihr Fels in der Brandung

 

Bianka Schneider-Trosien war früher selbstständig, mit einer Hundeschule hatte sie sich einen großen Lebenstraum verwirklicht. „Damals hatte ich außerdem zwei Pferde. Manchmal war ich zwölf Stunden auf den Beinen", erinnert sie sich. Damals, als die Welt noch in Ordnung schien, unternahm die Familie noch viele Ausflüge – nun kaum noch.


Das macht auch Schneider-Trosiens Tochter zu schaffen. Die 17-jährige Julie hilft ihrer Mutter so viel sie kann, derzeit besucht sie die 11. Klasse der Fachoberschule in Cham. „Es ist fast ein Wunder, wie sie sich nach dem Tod ihres Bruders aufrappeln konnte und nun so gute schulische Leistungen erbringt", so die stolze Mutter.


Nicht nur auf ihre Tochter kann die schwerkranke Frau zählen, ihre Mutter Gisela Trosien besucht sie fast täglich. Am Wochenende ist Ehemann Sepp, der unter der Woche auswärts arbeitet, zu Hause. Alle vier zusammen sind ein gutes, eingespieltes Team. „Er umsorgt mich sehr", weiß sie die Unterstützung ihrer besseren Hälfte zu schätzen.

 

Für mehr Lebensqualität und Freiraum

 

Die Rollstuhlfahrerin liebt Hunde, ihre drei Labrador-Damen bedeuten ihr viel. „Mein größter Wunsch wäre, wenn ich mit ihnen spazieren gehen könnte", sagt Schneider-Trosien. Dazu bräuchte sie allerdings einen Elektro-, besser noch Segway-Rollstuhl. Ihre Arme können die nötige Kraft nicht mehr aufbringen, um die Räder ihres Rollstuhls in Schwung zu versetzen. Hügel und Anhöhen rund ums Haus machen es ihr zusätzlich schwer. „Außerdem würde ich gerne einmal wieder in den Urlaub fahren, nach Dänemark oder Holland. Es wäre toll, wenn ich meine Hunde am Strand rennen sehen könnte", blickt die Tierliebhaberin optimistisch in die Zukunft.


Das ist aber nicht der einzige Grund, warum sich Schneider-Trosien ausgerechnet einen teuren Segway-Rollstuhl wünscht: Das Grab von Sohn Stefan ist aufgrund von Schotterwegen nur mühsam zu erreichen. Mit den breiten Reifen könnte sie auch die unebenen Wege auf dem Friedhof problemlos zurücklegen. „Ein Segway-Rollstuhl wäre mein größter Wunsch. Damit hätte ich wieder mehr Lebensqualität", betont die tapfere Frau.