INTERVIEW: Der letzte Rettungsanker

Ingrid Schrott von der Allgemeinen Sozialberatung über „Freude durch Helfen"

 

"Für viele Menschen ist die Tagblatt-Aktion ‚Freude durch Helfen' der letzte Rettungsanker", sagt Ingrid Schrott. Sie arbeitet seit über zwölf Jahren in der Allgemeinen Sozialberatung der Caritas an der Oberen Bachstraße in Straubing und hat täglich mit Menschen zu tun, deren Leben in eine Schieflage geraten ist. Wir sprachen mit der Sozialpädagogin darüber, warum sich manche Menschen schämen, Hilfe in Anspruch zu nehmen, welchen Menschen die Spenden aus der Tagblatt-Benefizaktion zugute kommen und was sich diese dafür anschaffen.


Straubinger Tagblatt: Frau Schrott, Sie arbeiten seit 2004 bei der Allgemeinen Sozialberatung der Caritas. Was sind Ihre Hauptaufgaben?


Ingrid Schrott: Zu mir kommen alle Ratsuchenden, die nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Ich bin sozusagen die Clearingstelle.... Jedoch biete ich auch Beratung an, die Problembereiche sind dabei sehr unterschiedlich. Ich berate in sozialrechtlichen Fragen, hauptsächlich zu Leistungen nach Sozialgesetzbuch II und XII, stelle mit Betroffenen einen Haushaltsplan auf, oder weise sie darauf hin, an welche Ämter sie sich noch wenden können. Immer mehr ältere
Menschen sind bedürftig


Wer kommt zu Ihnen in die Allgemeine Schuldnerberatung?
Zu mir kann jeder kommen, die Beratung ist niederschwellig. Die meisten Leute sind zwischen 25 und 60 Jahren alt. Jedoch fällt mir auf, dass seit rund fünf Jahren immer mehr bedürftige ältere Menschen hierher kommen. Viele schämen sich und wollen ihre Leistungen eigentlich nicht in Anspruch nehmen. Dabei handelt es sich oft um ältere Frauen, deren Männer verstorben sind. Oftmals sind sie für die Kinder zu Hause geblieben und haben nur Teilzeit gearbeitet. Jetzt sind sie auf die Grundsicherung angewiesen, und damit steht ihnen wirklich nur sehr wenig Geld zur Verfügung.


Die Menschen schämen sich, um Hilfe zu bitten?
Ja. Ein Großteil kann sich nur überwinden, wenn es für sie gar nicht mehr weitergeht, zum Beispiel, wenn ihnen der Strom abgestellt wurde. Es ist ein großer Schritt für sie, zu mir in die Sozialberatung zu kommen.

 

Wie können Sie diesen Menschen helfen?
Grundsätzlich wäre es oft einfacher, jemand würde schon eher zu mir kommen. Häufig ist es fast schon zu spät, dann steht eine Räumungsklage an oder der Strom wurde bereits abgestellt. Man kann beispielsweise mit dem Vermieter oder mit dem Stromanbieter über Ratenzahlungen sprechen oder die Menschen an Ämter verweisen, bei denen sie ein Darlehen zur Schuldenübernahme beantragen können.

 

Seit 19 Jahren gibt es nun „Freude durch Helfen", die Benefizaktion der Mediengruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung, die Menschen aus der Region helfen möchte. Welchen Einfluss hat die Aktion auf Ihre Arbeit?
Ich kenne die Aktion von Anfang an, das ist wirklich eine tolle Sache. Viele andere Stiftungen bedeuten für mich unheimlich viel Aufwand. Ich muss stapelweise Anträge ausfüllen und kopieren, das stellt für mich einen enormen Zeitaufwand dar. Zeit, die ich in meinem Berufsalltag nicht habe. Bei „Freude durch Helfen" kontrolliere ich die Dokumente der Menschen, die zu mir in die Beratung kommen, und verfasse einen kurzen Sozialbericht. Die Mitarbeiter im Straubinger Tagblatt erledigen das sofort und den Menschen kann schnell und unbürokratisch geholfen werden. Ich schätze die Zusammenarbeit sehr.

 

Bei Ihrer Arbeit erfahren Sie sicher einiges über das Schicksal dieser Menschen.
Ja. Eine alleinerziehende Mutter war kürzlich in meiner Beratungsstelle. Sie hat zwei kleine Kinder, eines davon ist behindert. Es fällt viel Wäsche an. Der Kauf einer neuen Waschmaschine ist aufgrund des Bezugs von Sozialgesetzbuch II-Leistungen wie Hartz 4 nicht möglich. Ich habe bei „Freude durch Helfen" angefragt und die Frau hat eine Zuwendung in Höhe von 375 Euro erhalten, für den Kauf einer Waschmaschine. Sie war so erleichtert.

 

Wie kontrollieren Sie, ob das Geld auch genau dafür verwendet wird, wofür es vorgesehen ist?
Die Menschen legen mir die Rechnung vor. Die meisten nehmen übrigens keinen Cent mehr an, als zum Beispiel die Waschmaschine gekostet hat. Kaputte Waschmaschine gleicht einer Katastrophe


Was bedeutet das für die Menschen?
Zuerst einfach mal Durchatmen. Viele sagen zu mir: „Das ist meine letzte Rettung." Die Erleichterung ist sehr groß. Man muss bedenken: Wer Grundsicherung bezieht, der kann kaum etwas ansparen. Wenn dann ein Ofen oder eine Waschmaschine kaputt geht, gleicht das für die Betroffenen einer Katastrophe.

 

Mit dem Geld von der Benefizaktion „Freude durch Helfen" werden vor allem notwendige Dinge, wie eben eine Waschmaschine, angeschafft. Zur Weihnachtszeit sollen die Bedürftigen jedoch auch eine kleine Freude haben...
Das stimmt. Vor allem vor Weihnachten rufen bei uns bedürftige Eltern an, die ihren Kindern einfach nichts kaufen können. Mit einem Zuschuss von „Freude des Helfen" können den Kindern Kleinigkeiten, wie ein Fußball oder eine Puppe, gekauft werden. Viele der Eltern erzählen mir später, wie sehr sich die Kinder gefreut haben. Und wenn sie das so berichten, merkt man, dass auch sie eine unheimliche Freude daran hatten.

 

Interview: Sophie Schattenkirchner

Ingrid Schrott von der Allgemeinen Sozialberatung der Caritas sagt über „Freude durch Helfen“: „Ich kenne die Aktion von Anfang an, das ist wirklich eine tolle Sache.“