Am Lebensabend zu wenig Geld fürs Leben

Immer mehr Rentner verarmen – In Furth im Wald wird für sie ein Hilfsfonds eingerichtet


Von Thomas Linsmeier


Furth im Wald. Wer arm ist, der hat entweder seit langem keinen Job oder er ist so schwer erkrankt, dass er seine Arbeit nicht mehr ausüben kann. Oder er ist einfach nur alt. Denn die beiden Hauptursachen für ein Leben unter dem Einkommensdurchschnitt haben in den vergangenen Jahren „Zuwachs" bekommen: Immer mehr ältere Menschen, insbesondere verwitwete Frauen, gelten als arm. Und das nicht nur in Metropolen mit hohen Lebenshaltungskosten, auch in einer ländlichen Kleinstadt wie Furth im Wald im Landkreis Cham. „Von dieser Sorte haben wir viele, auch wenn es kaum jemand bemerkt", bestätigt Brigitte Klappenberger, Vorsitzende des Seniorenbeirates.


Es mangelt an vielem


„Wir haben genug alte Leute, bei denen es hinten wie vorn nicht reicht", weiß Klappenberger. Die 75-jährige Wahl-Furtherin leitet seit zwölf Jahren den Seniorenbeirat der Stadt. Sie ist für viele alte Menschen Kontaktperson. Oftmals sind es aber eher Zufälle, durch die Klappenberger auf die Not der alten Further aufmerksam wird.


„Vor kurzem hab ich einer Frau eine neue Matratze besorgt. Sie selbst konnte sich keine leisten", erzählt sie. Die Liste an Selbstverständlichkeiten des Alltags, an denen es bei Further Senioren mangelt, sei lang: Abgetragene Kleidung, defekte Haushaltsgeräte, kaputtes Mobiliar, Essen ... So sei die „Tafel" für viele der rettende Strohhalm, um finanziell über den Monat zu kommen. Klappenberger selbst packt den Kofferraum ihres Privat-Autos mit gespendeten Lebensmitteln voll, um diese zu Rentnern zu bringen. Vier von ihnen versorgt sie auf diese Weise regelmäßig. „Mehr schaff' ich leider nicht." Warum diese nicht selbst zur Tafel fahren? Zum einen, weil viele nicht mobil sind, zum anderen, weil sie sich schlichtweg schämen.


„Die trauen sich einfach nicht", bedauert Klappenberger und erzählt von einer Dame, die sie regelmäßig mit „Tafel"-Essensspenden versorgt: „Diese alte Frau hat 480 Euro Rente. Sie hat ihre Geschwister großgezogen, weil ihre Mutter im Kindbett gestorben ist. Sie hat immer gearbeitet und auch ihre eigenen Kinder großgezogen ..." Warum dies so ist?


Die Seniorenbeirats-Vorsitzende nennt drei Hauptgründe: Zum einen ist die Witwenrente deutlich geringer als die volle Rente, die der Ehemann bekommen hätte. Hinzu kommt, dass in Ostbayern die Löhne traditionell sehr niedrig sind. Das wirkt sich logischerweise auch auf die Höhe der Renten aus. Zum anderen haben gerade Frauen oft selbst kaum einen Rentenanspruch, weil viele eine typische Hausfrauenrolle übernommen und Kinder großgezogen oder weil sie nebenbei, also „schwarz", gearbeitet haben, wodurch für sie vom Arbeitgeber keine Sozialabgaben abgeführt wurden. „Hinzu kommt, dass viele gar nicht wissen, was ihnen zusteht, oder sie schämen sich, das zu beantragen, was sie bekommen würden", weiß Klappenberger, die versichert: „Die waschen lieber ihre einzige Bluse dreimal die Woche, nur damit niemand merkt, wie arm sie sind ..."


Fragt man die Seniorenbeirätin nach Beispielen, könnte sie stundenlang welche nennen. Sie erzählt von einer alten Frau, die sich keinen neuen, passenden Stuhl leisten konnte. Oder von einer, der sie selbst zu Weihnachten eine Krippe geschenkt hat, weil die keine hatte und auch nicht das Geld dazu aufbringen konnte. „Nach Weihnachten wollte sie mir diese wieder zurückgeben, so ehrlich sind die", sagt Klappenberger und fasst zusammen: „Viele sind zu stolz, die würden sich nie von selbst melden, dass sie was brauchen." Und sie wüssten oftmals gar nicht, dass ihnen eine Grundsicherung vom Staat, mit der sich die mickrige Rente aufbessern lässt, zusteht.


Um zumindest den Further Rentnern helfen zu können, wird im Rahmen unserer Weihnachtsaktion um Spenden gebeten. Brigitte Klappenberger und Wera Müller, Sozialreferentin von Furth im Wald, werden dann entscheiden, wer mit diesem Geld im Lauf des kommenden Jahres unterstützt wird, denn: „Wer sein ganzes Leben lang gearbeitet hat, der hat es verdient, die letzten Jahre nicht von der Hand in den Mund leben zu müssen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber nicht."