„Alles, nur nicht Hartz IV“

Frühmorgens, wenn die vierjährige Luise noch schläft, kümmert sich eine Erzieherin um sie. (Symbolfoto: Patrick Pleul/dpa)

Zwei Jobs, eine vierjährige Tochter und die Angst vor der Sozialhilfe: Eine 25-Jährige kämpft sich durch


Von Christina Werner


Landshut. In Miriam H.s Leben lief im Sommer einfach alles schief. „Ich habe keinen Bock mehr", hatte ihr Freund zu ihr gesagt und sie von heute auf morgen verlassen. „Ich wusste auf einmal nicht mehr, wo hinten und vorne ist", sagt die 25-Jährige heute. Plötzlich stand sie mit ihrer vierjährigen Tochter allein in ihrer Wohnung. Wut, Trauer und Angst stiegen in ihr auf, aber im Kopf hatte H. nur einen Gedanken: Ich darf morgen bei meinen beiden Jobs nicht fehlen und habe niemanden für die Kleine. „Ich lebte drei Monate wirklich von Tag zu Tag und wusste teilweise nicht, wer sich am nächsten Morgen um meine Tochter kümmern kann", sagt Miriam H. Die 25-Jährige schob ihre Tochter von einem Bekannten zum nächsten, denn sie arbeitete fast jeden Tag. „Ich wollte alles richtig machen, mich durchbeißen und nicht von Hartz IV leben."


Verständnis für Hartz-IV-Empfänger
Leicht war diese Zeit ganz und gar nicht. Jeden Tag aufs Neue kämpfen, zehrt an den Kräften. Durch ihre eigene Geschichte könne Miriam H. auch die Menschen verstehen, die sagen, dass sie nicht mehr in die Arbeit gehen, wenn am Ende des Monats nicht mehr auf dem Gehaltszettel steht, als wenn sie Hartz IV beantragt hätten. „Ich arbeite sechs Tage Teilzeit bei einem Discounter und habe noch dazu einen 450-Euro-Job. Hätte ich jetzt nicht die Hilfe durch das ZAK (Zentrum für Arbeit und Kultur e.V.) bekommen, dann würde mir weniger bleiben, als wenn ich den ganzen Tag nur zu Hause sitzen würde." Das Schlimmste für die 25-Jährige war es jedes Mal, wenn sie zum Arbeiten gehen musste, um dort zu fragen, wie sie in ihrer Situation unterstützt werden könnte. Als sie von ihrer Not erzählte, hieß es aber nur, dass sie ihren Job aufgeben soll, dann würde sie Hartz IV bekommen und bräuchte keinen Betreuungsplatz mehr für die Tochter suchen. „Das wollte ich aber auf keinen Fall. Denn ich hatte einen unbefristeten Vertrag und das ist im Einzelhandel heutzutage eine echte Seltenheit."


Die Rettung war das Mutter-Kind-Haus
Das ZAK gibt zeitgemäße Hilfen für Familien und Wohnraum sowie Hilfen für Mütter und Kinder. Auch ein Betreuungsangebot für Kinder, die sich vorrangig an den Bedürfnissen der Familien orientieren, bietet das ZAK an. Miriam H. wurde im Herbst an das ZAK weiterverwiesen, weil sie wegen ihrer Früh- und Spätschichten eine Tagesmutter für ihre Tochter ab 6 Uhr morgens und teilweise bis 21 Uhr abends gesucht hat. Sie schilderte dort ihre Situation und erklärte, dass sie nicht abhängig von Hartz IV sein will und einfach jemanden braucht, der sich vor beziehungsweise nach dem Kindergarten um ihre Tochter kümmern kann. Ele Schöfthaler, die Vorsitzende des Zentrums für Arbeit und Kultur, erklärte ihr, dass sie ihr dafür keine Tagesmutter vermitteln, sie aber in das Mutter-Kind-Haus, in dem auch eine Erzieherin wohnt, einziehen könne. „Mit dem Einzug hat für uns ein neuer Lebensabschnitt begonnen", sagt Miriam H. „Wir haben wirklich eine schöne Wohnung. Und das Beste ist, dass ich jetzt in die Arbeit fahren kann und weiß, dass mein Kind gut versorgt ist." Muss H. um 5 Uhr morgens schon in die Arbeit, kommt die Erzieherin Lena in ihre Wohnung und kümmert sich um Luise, bis sie in den Kindergarten gebracht werden kann. Und auch wenn Miriam H. Spätdienst hat, bleibt die Erzieherin bei Luise bis die 25-Jährige zurück aus der Arbeit ist. „Lena ist ein Engel. Ich bin so froh, dass wir sie haben."


Luise ist inzwischen in einer Kindergartengruppe mit nur acht Kindern. „Früher wurde mir immer gesagt, dass mein Kind aggressiv ist und man hatte ihr gleich den ADHS-Stempel aufgedrückt." Seit sie durch den Umzug ins Mutter-Kind-Haus den Kindergarten gewechselt hat und mit der Betreuung alles geordnet verläuft, sei Luise ruhiger geworden.


Nur mit ihrer Mama steht sie noch ein wenig auf Kriegsfuß. „Ich habe einfach ihr komplettes Leben über den Haufen geworfen, da kann man auch durchaus verstehen, dass ich jetzt da erst mal die Böse bin", sagt die 25-Jährige. Das Schlimmste für Miriam H. ist es, wenn andere sagen, dass sie ihr Kind vernachlässigt. „Natürlich verbringen wir weniger Zeit miteinander wie andere Mütter mit ihren Kindern. Dafür nutzen wir die Zeit viel intensiver und können uns durch meine Arbeit auch mal einen Ausflug leisten." Und wenn Miriam H. dann noch sagt, dass sie damit einfach auch ihrer Tochter das richtige beibringt, hat sie ganz schnell die Gegenargumente entkräftet. „Man muss arbeiten, um im Leben was erreichen zu können."


Was sich Miriam H. für die Zukunft wünscht? „Dass ich meine Stunden beim Discounter ein wenig erhöhen kann, damit ich nicht mehr auf den zweiten Job angewiesen bin und trotzdem genug verdiene." Die 25-Jährige möchte sich einfach keine Sorgen mehr machen müssen, wenn das Auto mal streikt oder die Waschmaschine kaputt geht. „Ich bin schon froh, wenn ich mir zweimal im Jahr eine neue Hose kaufen kann."


Mit ihrer Geschichte will sie anderen Mut machen. „Es ist hart und schwierig, sich in einer solchen Situation ohne Hartz IV durchzubeißen, aber es geht, wenn man will. Ich stand so oft kurz vor einem Nervenzusammenbruch, aber jetzt kann ich einfach richtig stolz auf mich sein." Aus eigener Erfahrung wisse Miriam H., dass man immer einen Job findet. „Wichtig ist einfach, dass man sich beweist. Man muss arbeiten wollen und dann sehen das auch die Arbeitgeber und geben einem eine Chance – auch wenn man alleinerziehend ist."


Um Miriam H. weiter unterstützen zu können, ist das Zentrum für Arbeit und Kultur auf Spendengelder angewiesen, um unter anderem die Erzieherin zu finanzieren.